Manche sagen das. Manche sagen, man könne das Gute erst genießen, wenn man die Schattenseiten kennt. Dafür spricht manches. Einen Schluck kühlen Wassers kann wohl erst der richtig schätzen, der eine trockene Kehle kennt. Auf den ersten Blick liegt also nahe, dass es böse Dinge braucht, damit wir die guten schätzen. Der Kirchenlehrer Augustinus bezweifelt das. Er schreibt, man bräuchte nicht krank gewesen sein, um seine Gesundheit zu schätzen.
Robert Spaemann erzählte einmal ein Gleichnis, das Licht auf die Frage wirft. Da ist ein Maler mit unendlichen Fähigkeiten. Der malt ein phantastisches Bild und alle staunen. Dann kommt ein Feind und wirft Farbe auf das Bild. Alle sagen, es sei endgültig zerstört. Der unendlich gute Maler aber sagt: „Hmm, das ist gut...“ und malt das Bild noch schöner, indem er die Farbe des Feindes mit einbezieht. Dieser wird böse und wiederholt seinen Anschlag. Wieder bezieht der Maler die Farbe ein, und das Bild wird immer schöner. Das wiederholt sich so oft, bis der Feind aufgibt. Der Maler hat den Feind nicht gemacht, nicht gewollt und vor allem nicht gebraucht. Er hätte das Bild auch ohne ihn genau so schön malen können. Seine Größe zeigte sich jedoch besonders darin, das Üble in Gutes zu verwandeln.
In unserer Frage nach dem Leiden und dem Übel ist Gott der Maler. Der braucht weder das Übel, noch muss er es gemacht haben, um das schönste aller Bilder zu schaffen: Den Himmel, in den er uns berufen hat. Gott braucht das Übel nicht und er brauchte nicht das Böse. Die Engel, die ihn bestaunen, ihn preisen und voll wachsender Begeisterung besingen, die brauchen auch nicht leiden, um überwältigt zu sein von seiner Größe. Jesus sagt allerdings: „Euer Kummer wird sich in Freude verwandeln.“ (Joh 16,20) Also hat die Freude des Himmels doch mit dem Leiden zu tun; wer aus dem Leiden kommt, der weiß die Freude besser zu schätzen. Ist das so, dann hat sogar das Leiden auf Erden, das wir nicht ändern können, einen Sinn.
Braucht die Welt das Böse?
Es gibt keinen Menschen auf Erden, der nicht zur Heiligkeit berufen wäre. Und es gibt niemanden, der nicht heilig werden kann.





