Zur öffentlichen City-Pastoralsitzung (neudeutsch für „Pfarrgemeinderatssitzung“) war geladen. Thema: „Wie kann, muss es mit Kirche weitergehen nach der Krise?“ „Kirche“ ohne Artikel. Einen „Anwalt des Volkes“ werde es auch geben, der den eingeladenen Gemeindemitgliedern „eine Stimme geben“ würde. Na, dann mal los.
Full house und ein veritabler Universitätsprofessor, Pastoraltheologe und Pastoralpsychologe, der das Auftaktreferat hält: „Wider die erhabene Perspektive auf die anderen. Pastorale Konsequenzen aus der aktuellen Krise der Kirche“. Andächtig hören „City-Pastoralrat“, Stadtdechant und „Volk“ dem ausgewiesenen Experten für kirchliche Krisenbewältigung zu:
„Die Machtprobleme der Kirche haben den Körper erreicht. Es ist der letzte Ort, an dem sich kirchliche Macht einschrieb und es ist der letzte, an dem sie lernen muss, ihre Botschaft endgültig jenseits der Macht zu vertreten. In einem lauten und peinlichen Knall wird ein letzter Ort des Habitus kirchlicher Erhabenheit über die Welt zerstört. Erkennbar wird daran, wie lange es dauert, bis sich ein wahrnehmungsfähiges Konzil innerhalb einer selbstbezogenen Kirche durchsetzt, und wie lange reaktive Ressentiments gegen kulturelle Schockwellen in einer traditionsverhafteten und patriarchal bestimmten Religionsgemeinschaft nachwirken.“
Wie bitte? Eine City-Pastoral-Dame fragt irritiert nach: „Was verstehen Sie eigentlich unter „Kirche“?“ Die gegenwärtige Krise sei ja wohl eher eine Klerikerkrise – oder vertrete der Referent möglicherweise ein klerikal geprägtes Kirchenbild? Der Referent windet sich ein wenig und schiebt alles auf Trient. Seit damals sei „Kirche“ klerikal verstanden worden und es sei das Drama des 2. Vatikanums, dass dessen „Wir sind Kirche“ nicht durchgesetzt worden sei. Denn: „Das Konzil ist kein utopischer Entwurf, sondern eine schlichte Notwendigkeit. Die Kirche wird sich auf das pastorale Programm des Konzils besinnen, oder sie wird zumindest in Gesellschaften wie der unsrigen ihren gesellschaftlichen Abstiegsprozess und Exkulturationsprozess beschleunigt fortsetzen und ihm keinen pastoralen und religiösen Autentizitätsgewinn entgegensetzen können“. Wie bitte? Welches pastorale Programm genau? Ah, da naht schon die Lösung: „Das 2. Vatikanische Konzil steht für einige grundlegende Perspektivwechsel: 1) Barmherzigkeit statt Strafe im innerkirchlichen Handlungsmodus“. Abgesehen davon, dass mich mal interessieren würde, wo genau das in den Texten des 2. Vatikanums stehen soll: Ist nicht genau da das Hauptproblem mit den Missbrauchsfällen und ihrer Vertuschung angesiedelt? Barmherzigkeit statt Strafe? Statt die Täter sofort und ohne Federlesens rauszuschmeißen und den weltlichen Strafverfolgungsbehörden zu übergeben, wurde ihnen immer wieder eine neue Chance gegeben, Resozialisierung wurde großgeschrieben und Opferschutz klein. Da liegt doch eine Wurzel des ganzen Problems! Und da soll „Kirche“ nun pastoral genau an diesem Fehler ansetzen, um die Krise zu bewältigen? Aber nachhaken darf “Volk” ja noch nicht. Also weiter:
„2. Menschenrechte statt Kirchenrechte in der gesellschaftlichen Existenz der Kirche“. Worin der Gegensatz bestehen soll, darüber schweigt sich der Referent beredt aus. Vor allem, wo eine geplante Abschaffung des Kirchenrechts in den Texten des 2. Vatikanums zu finden sein soll, hätte mal schwer interessiert. Gern hätte man nachgefragt – aber ok, unsere Stunde ist noch nicht gekommen, die Stunde des Volkes. Statt dessen: „3. Einschluss statt Ausschluss in der missionarischen Existenz der Kirche“. Hier wird es wirklich interessant. 80% der Kirchenbesucher seien Atheisten, behauptet der Professor – mehr als Kopfschütteln darf man ja immer noch nicht. Deshalb müsse „Kirche“ ihnen, also den kirchgehenden Atheisten, gegenüber offen sein und nicht ihre „exklusiven“ Riten zelebrieren, welche sie nicht mitvollziehen könnten.
Endlich der große Brückenschlag vom Mißbrauch zur Pastoral. Wie können diese Erkenntnisse praktisch umgesetzt werden? Der Professor weiß Rat: In einem „offenen Prozess“ müsse „Kirche“ zur Wahrheit finden, die immer wieder neu im Diskurs mit der Gegenwart entstehe, keine vorgegebenen Antworten seien mehr zulässig – und was hinten dabei rauskäme, das sei dann „die Wahrheit“. Stromlinienförmig passend zur Zeit, in der sie gerade gefunden wird. Ein unabdingbares Kriterium für den Diskurs sei, dass er auch völlig schiefgehen könnte. Dann sei man auf dem richtigen Weg. Eine finale, erhabene und vorgegebene Aussage beschließt die Ausführungen: „Es gibt für die Kirche keinen anderen Weg!“
Zeit für die Fragestunde. Das „Volk“ darf ran. Leider ist eine direkte Wortmeldung nicht vorgesehen, das wäre wohl doch zuviel des geschwisterlichen, kirchlichen Diskurses. Immerhin bekommt das „Volk“ seinen versprochenen „Anwalt des Volkes“ zugeteilt, der schriftlich formulierte Fragen einsammelt und die kritischen gleich mal aussortiert. Eine der zugelassenen Fragen heißt: „Wird die Kirche nach der von Ihnen beschriebenen Krisenbewältigung noch katholisch sein?“ Der Professor wiegt feixend das Haupt. „Was genau können wir in der Citypastoral in Bezug auf Aufarbeitung und Verhinderung von Missbräuchen tun, das sei ja immerhin das Thema hier…“ Antwort: Missbräuche werde es wohl kaum mehr geben, das sei ein Thema von gestern. Jetzt gehe es darum, endlich Kirche grundlegend zu reformieren. „Was würde unser Bischof von Ihren Vorschlägen halten?“ Brüllendes Gelächter im Publikum. Eine Antwort erübrigt sich. „Eine große Chance für die Kirche“ sieht eine Teilnehmerin in den Vorschlägen des Referats. Der Professor wirkt zufrieden. Letzte Frage: „Was halten Sie von unserem Papst?“ Schmunzelnd konstatiert der Professor, der sei – wie er – eben ein Professor. Aber ein Professor mit einer Vorliebe für Zombies. Seine Mimik zeigt an, dass nun wieder gelacht werden darf. Aus erhabener Perspektive.
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