
Der Oberlehrer meint: Was mit fremden Wörtern erklärt wird, bleibt unverstänlich.
Manche meinen, über die Liebe könne man gar nicht mehr viel sagen. In jeder Schnulze, in jedem billigen Gedicht, in jedem Schundroman sei von der Liebe die Rede. Das mache müde. Ich erlaube mir zu widersprechen. Ich glaube nämlich gar nicht, dass viel über die Liebe gesprochen und gesungen wird.
Wenn jemand durchnässt aus dem Regen kommt und lange berichtet, wie es sich anfühlt, so nass zu sein, dann spricht er wohl über das, was der Regen angerichtet hat. Über den Regen selbst aber verliert er kein Wort.
Wenn uns jemand von seiner Teilnahme an einem Autorennen berichtet, dann schildert er das Gefühl der Geschwindigkeit. Er berichtet vom Erleben in den Kurven, von der Beschleunigung und vom Fahrtwind meinetwegen. Dabei kann es sein, dass er über das Fahrzeug mit keinem Wort erwähnt.
Wenn einer einen Stromschlag bekommen hat, schildert er in den buntesten Farben sein Erleben. Was elektrischer Strom ist, darüber sagt er nichts. Ähnlich ist es mit der Liebe. Über sie selbst wird fast nie gesprochen, wohl aber, wie es ist verliebt zu sein oder an der Liebe zu leiden.
Alle Welt redet davon, wie sie von ihr berührt wird. Alle singen darüber, wie traurig sie sind, wenn sie verloren geht, und unzählige Dichter besingen die Schönheit ihrer Geliebten. Über die Liebe selbst sprechen sie dabei herzlich wenig.
Über die Liebe als solche zu reden, ist nämlich gar nicht so leicht, wie man glauben mag. Aus christlicher Sicht könnte man meinen, es sei geradezu unmöglich. Der Johannesbrief schreibt, „Gott ist Liebe“. Wer weiß schon wirklich wer oder was Gott ist? Wir sollen uns kein Bild von ihm machen, weil wir uns keins von ihm machen können. Wenn Gott Liebe ist, dann scheint es, können wir nicht nicht viel über sie sagen.
Es gibt einen modernen Film, in dem es doch wie selten gelungen ist, über die Liebe selbst zu sprechen. Forschende Menschen erobern mit Gewalt einen fremden Planeten, auf dem Wesen wohnen, die auf den ersten Blick primitiv daher kommen. Die Menschen klonen sich in sie hinein und manche entdecken, dass die Primitiven so primitiv gar nicht sind. Wenn sie einander lieben, sagen sie, dass sie einander sehen. Überhaupt scheint ihr geistiges Leben darin zu bestehen, die Natur ihrer Welt und die Natur ihrer selbst viel tiefer zu erfassen, als die technisch ausgestatten Menschen es vermögen. Damit ist ziemlich genau gesagt, was die Liebe bedeutet: Sie hat mit tieferem Erkennen zu tun.
Als der Engel der jungen Maria erscheint, fragt er sie, ob sie bereit wäre, den Messias zu Welt zu bringen. Sie antwortet mit der Frage: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ Hier ist die Sprache ähnlich.
Die katholische Lehre sagt also, Gott ist Liebe. Der heilige Thomas meint auch, man könne sagen, Gott sei in gewissem Sinn ganz und gar sein eigenes Erkennen. Auch da hat Liebe mit Erkennen zu tun, und höchste Liebe mit tiefster Erkenntnis.
Bevor wir die Gedanken beiseite legen, weil sie zu philosophisch werden könnten, sollten wir bedenken, dass wir das alles aus dem Leben der schlichten, menschlichen Liebe auch kennen. Kleine Mädchen verschließen ihre Tagebücher und erlauben nur ihrer besten Freundin, die sie lieb hat, einen heiligen Einblick.
Die natürliche Regung der Scham ist ein Wächter und ein Schutz; das Intimste, was wir haben, soll nur dem zugänglich sein, der sich in der Liebe würdig zeigt, dass er alles von uns kenne.
Wenn wir einen Menschen lieben, der wegen einer körperlichen Behinderung unvorteilhaft aussieht, dann doch nur, weil wir über das Äußere hinweg Tieferes in ihm erkennen.
Und mir scheint, manch einer, der Schwierigkeiten mit der Liebe hat, tut sich schwer mit der Religion, weil er sich fürchtet, von Gott ganz und gar erkannt zu werden. Vielleicht lohnt es sich, dieser Spur einmal nachzugehen.
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