
Der Oberlehrer meint: Was mit fremden Wörtern erklärt wird, bleibt unverstänlich.
Ich habe das Wort Modernismus eingeführt und sollte vielleicht wenigstens kurz erklären, was ich damit meine.
Wenn mich mein legendärer Marsmensch des Nachts wieder besuchen käme und vom Menschen etwas erfahren wollte, dann würde ich ihm viel erzählen können. Er würde erfahren, dass ein Mensch ganz klein zur Welt kommt. Dass er da noch keine Zähne hat, dass er noch nicht laufen kann, nicht sprechen und dass er in keiner Weise selbst für sich sorgen kann.
Später wächst er heran, er wird groß und selbständig, er verändert sein Aussehen und sorgt für sein Dasein. Später wird er alt, grau und wieder gebrechlicher.
Wenn mein nächtlicher Gast mich zu früh verlässt und ich versäume, etwas Entscheidendes zu sagen, wird er vielleicht eine ganz falsche Meinung vom Menschen haben. Er wird glauben, dass sich der Mensch im Laufe seines Lebens total verändert. Damit könnte er auf den Gedanken kommen, dass sich alles an ihm ändert und nichts bleibt.
Unsere Biologen stellen fest, dass sich die Zellen im Laufe ihres Lebens zum allergrößten Teil komplett erneuern. Das meiste ändert sich also und könnte meinen Freund veranlassen zu glauben, dass sich alles ändert.
Der Schluss liegt nahe, ist aber falsch.
Zeigt man einem Fremden ein Babyfoto, ein Foto aus der Jugend und eins aus dem Alter, wird er meinen, man zeige ihm drei verschiedene Menschen. Genau das stimmt aber nicht. Ganz entscheidend ist ja, dass die drei völlig verschiedenen Typen ein und dieselbe Person geblieben sind.
Ich müsste meinem nächtlichen Freund etwas über das erzählen, dass es eine bleibende, personale Existenz gibt: So ziemlich alles ändert sich. Das Entscheidende beim Menschsein ist aber gerade, dass die Person etwas ist, was durch alle Veränderungen hindurch gleich bleibt. Der Mensch bleibt derselbe Mensch, ganz gleich, was mit ihm passiert und was man mit ihm anstellt.
Wenn mein grüner Freund eines Nachts wieder kommen würde und wissen wolle, worin denn das Bleibende bestehe, dann müsste ich ihn bitten, bis zum Morgengrauen zu bleiben. Es wäre nämlich nicht ganz einfach, ihm darzulegen, was eine menschliche Person ausmacht und was vor allem dafür sorgt, dass sie bei allen großen Veränderungen unveränderlich bleibt.
Vielleicht würde ich ihm sagen, dass man einem Menschen – theoretisch – die Arme, die Beine und den Rumpf nehmen könnte. Er würde immer noch dieser Mensch bleiben, zu dem man Du sagen kann. Wenn man weiter gehen würde; man würde an einen Punkt kommen, wo man dem Kern des Menschen nichts mehr wegnehmen kann, ohne ihn mit einem Mal zu vernichten.
Vielleicht würde ich ihm ein Nashorns als Beispiel nennen. Ein solcher Dickhäuter, dem man mit einem Schuss sein Leben nimmt, ist im strengen Sinn kein Nashorn mehr. Da liegt zwar noch der Kadaver. Das Nashorn aber ist weg. Wir sagen zwar, da liegt ein totes Nashorn. Genau genommen ist es aber eher ein ehemaliges als eins, das wirklich noch ein Nashorn ist. Etwas philosophisch und aristotelisch kann man sagen: Das Leben macht das Sein des Tieres aus. Nimmt man ihm sein Leben, dann ist er kein wirkliches Tier mehr.
Mein nächtlicher Besuch würde jetzt wissen wollen, wie das mit dem Leben des Menschen ist. Spätestens da müsste ich meinen christlichen Glauben einführen. Der nämlich bestimmt ab hier alles, was ich sage.
Wenn nun mein Freund regelmäßig kommen würde und wir Zeit hätten, über die Kirche zu sprechen, dann müssten wir auf ganz ähnliche Themen kommen. Ich würde ihm erklären, dass auch sie sich, wie ein Mensch, laufend verändert. Ich würde ihm erklären, dass auch die Kirche einen Kern hat, den man nicht verändern kann. Wenn wir diesen Kern umschreiben wollen, dann erzählen wir uns Sätze, die ganz verschieden lauten, und die wir unter dem Begriff bleibende Wahrheiten einordnen.
Auf die Länge würde ich meinem neuen Freund der Vollständigkeit halber allerdings auch sagen müssen, dass es Menschen in der Kirche gibt, die das alles gar nicht glauben. Ich würde ihm sagen müssen, dass es Leute gibt, die nicht an etwas Bleibendes glauben, weder in Sachen Mensch, noch in Sachen Kirche. Ich würde ihm sagen, dass es Leute gibt, die meinen, dass sich grundsätzlich alles ganz verändert und dass auch in der Kirche kein Kern stehen bleibt, der allem Verändern entzogen bleibt. Ich würde ihm sagen müssen, dass es in der Kirche Leute gibt, die nicht glauben, dass es einen innersten Kern gibt, den es zu schützen gilt. Diese Leute würde ich Modernisten nennen.
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