Posts mit Tag ‘Thomas von Aquin’

Der heilige Thomas und mein junger, muslimischer Freund

Samstag, Februar 18th, 2012

Vor ein paar Tagen hatte ich einen meiner jungen muslimischen Freunde bei mir im Auto. Wir hatten etwas Berufliches zu erledigen und sprachen über Gott und die Welt, mit Betonung auf das Erste von beiden. Nach kurzer Zeit kamen wir auf das Gebet zu sprechen. Mein Freund fragte, was wir Christen eigentlich sagen, wenn wir beten.
Bevor ich lange ins Erzählen geriet, fiel mir ein, dass ich das Gotteslob in meiner Mittelkonsole liegen hatte. Ich zeigte drauf und sagte: “Schlag mal auf, die Seite ziemlich vorn, die mit dem Eselsohr, wo das Bildchen liegt. Unten links beginnt ein Gebet, das mir eins der allerliebsten ist.”
Er schlug auf und las. Er las lange und sehr aufmerksam. Nach einigen Minuten der Stille schlug er das Buch sichtlich nachdenklich zu und sagte:
Das muss ein großer Mann geschrieben haben! Damit war das Gespräch beendet, weil jedes weitere Wort überflüssig geworden war.

Er hatte das “concede mihi” aus der Feder des heiligen Thomas gelesen. Das geht so:

Allmächtiger Gott, gewähre mir die Gnade,
glühend zu ersehnen, was wohlgefällig ist vor dir,
es mit Weisheit zu erforschen,
in Wahrheit zu erkennen und vollkommen zu erfüllen.
Ordne meinen Lebensweg zu Lob und Ehre deines Namens.
Lass mich deinen Willen erkennen und erfüllen,
so wie es sich gebührt und meiner Seele Segen bringt.
Lass mich in Glück und Unglück treu zu dir stehen,
im Glück demütig, im Unglück stark und ungebeugt.
Nur was zu dir mich führt, soll meine Freude sein;
nur was von dir mich trennt, soll mich betrüben.
Gib, dass ich niemand zu gefallen suche
und keinem zu missfallen fürchte als dir allen.

Was vergänglich ist, o Herr, das sei gering in meinen Augen;
doch kostbar sei mir alles, was dein ist, um deinetwillen;
und über alles andere sollst du selbst mir kostbar sein, o Herr, mein Gott.
Jede Freude ohne dich sei mir zuwider;
lass mich nichts suchen als dich allein.
Für dich zu arbeiten, sei meine Freude,
und eine Ruhe ohne dich sei eine Last.

Gib, das ich oft mein Herz zu dir erhebe
und mit Reue und erneutem Vorsatz Sühne leiste, wenn ich gefehlt.
Lass mich gehorsam sein ohne Widerspruch,
arm im Geiste ohne Niedrigkeit der Gesinnung,
rein ohne Flecken,
geduldig ohne Klage,
demütig ohne Verstelllung,
froh ohne Maßlosigkeit,
traurig ohne Kleinmut,
ernst ohne Anmaßung,
rührig ohne Oberflächlichkeit,
wahrhaft ohne Trug.
Lass mich Gutes tun ohne Überheblichkeit.

Lass mich den Nächsten ermahnen ohne Hochmut
und ihn erbauen in Wort und Beispiel ohne Falschheit.

Gib mir, o Herr, ein wachsames Herz, das kein leichtfertiger Gedanke von dir ablenkt,
ein edles Herz, das keine unwürdige Leidenschaft erniedrigt,
ein gerades und aufrechtes Herz, das kein gemeines Streben auf Abwege führen kann,
ein starkes Herz, das keine Trübsal beugt,
ein freies Herz, das sich von keine bösen Macht beherrschen lässt.

Schenk mir, o Gott, Verstand, der dich erkennt,
Eifer, der dich sucht,
Weisheit, die dich findet,
einen Wandel, der dir gefällt,
Beharrlichkeit, die gläubig dich erwartet,
Vertrauen, das am Ende dich umfängt.

Lass mich, o Herr, deine Strafen hienieden tragen im Geist der Buße
und deine Wohltaten recht gebrauchen durch seine Gnade.

Lass mich deine Freude einst im Vaterland genießen
durch deine Herrlichkeit, o Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

Leseorte

Mittwoch, Februar 15th, 2012

Gestern war Valentins- und damit Mozarttag, eindeutig!
Es gab allerdings auch zu arbeiten, und abends den obligatorischen Einkauf zu erledigen.
Als wirtschaftliche Niete in jeder Hinsicht, bin ich wohl eher der Fahrer und der einigermaßen geduldig Wartende bei solchen Fahrten. So nutze ich, wie gesagt, hier und da Gelegenheit, mich in den Kaufhäusern kurz niederzulassen, wenn sich was bietet. Besonders dankbar bin ich dann immer, wenn die Ladenbesitzer ein Einsehen haben und für wartende Kunden kleine Sitzecken bereit halten. Da sieht man die jungen Leute schon mal auf dem Handy zocken, die Männer blättern in Zeitungen und die Senioren hocken da und gönnen sich ein Päuschen. Weil ich nicht gut zocken kann und die Zeitschriften nicht meine Welt sind, ergreife ich gern die Gelegenheit: Beim heiligen Thomas stöbern.

Gestern bot sich da natürlich ein Stück zur Liebe an:

Hier also wieder das Ambiente:

Bildschirmfoto 2012-02-15 um 10.33.11

und hier das Appetithäppchen:

Bildschirmfoto 2012-02-15 um 10.52.45

(Sth II-II, 23)

“Wie Aristoteles in seiner Ethik sagt, hat nicht jede Liebe den Charakter der Freundschaft. Sondern nur die, die mit Wohlwollen einhergeht, wie wir etwa jemanden derart lieb haben, dass wir ihm Gutes Wünschen. 
Es gibt Dinge, die wir lieben und denen wir nichts Gutes wünschen. Vielmehr wünschen wir uns nur das Gute, das sie bieten. So sagen wir etwa, dass wir einen Wein lieben, ein Pferd oder sonstiges dieser Art. Diese Liebe ist keine Freundschaft, sondern eher ein Verhältnis, das auf unser Begehren gründet. Es wäre ja komisch zu sagen, wir unterhielten eine Freundschaft mit Wein oder einem Pferd. 
Wohlwollen allein reicht allerdings auch nicht zur Freundschaft. Vielmehr erfordert sie zudem eine gewisse gegenseitige Liebe, wie wenn ein Freund seinem Freund ein Freund ist. Ein solches, gegenseitiges Wohlwollen basiert auf einem gewissen Austausch.
Es gibt einen solchen Austausch zwischen dem Menschen und Gott, insofern er uns seine Glückseligkeit mitteilt. Von diesem Austausch muss man sagen, dass er eine gewisse Freundschaft begründet. Von diesem Austausch sagt auch der erste Corintherbrief: „Treu ist Gott, durch den ihr berufen worden seid zur Gemeinschaft mit seinem Sohn Jesus Christus.“ Die auf diesem Austausch gegründete Liebe ist Freundschaft. Daher ist offenbar, dass die Gottesliebe eine gewisse Freundschaft des Menschen mit Gott bedeutet.”

Langeweile…

Montag, Februar 13th, 2012

Wozu langweilige Sitzungen nicht doch gut sind…
Ich war auf einer solchen. Und selig, wer ein Handy hat, hab ich wahllos in der ScG gestöbert und bin auf eine Stelle zur Einehe gestoßen, dich ich Euch nicht vorenthalten möchte:

TvA Einehe

Zu deutsch:

“Die Freundschaft besteht in einer gewissen Gleichheit. Wenn es sich für die Frau nun nicht gehört, dass sie mehrere Männer hat, weil das gegen die Sicherheit spricht, was ihre Nachkommenschaft angeht; wäre es dem Mann gestattet, dass er mehrere Frauen hat: Es würde sich nicht um eine freie und freundschaftliche Beziehung der Frau zum Mann handeln, sondern um eine gleichsam sklavische. Das lässt sich nämlich per Experiment beobachten: Von den Männern, die mehrere Frauen haben, werden diese wie Dienerinnen behandelt.”

PS: Nächste Woche bin ich bei einem hochoffiziellen Ausschuss eingeladen…. :)

Glücklich dran

Sonntag, Februar 12th, 2012

Als ich mit Thomaslesen anfing, gab es noch kein Internet. Man musste sich die Bücher kaufen oder aus Bibliotheken leien. Wenn mal eins nicht da war, dann hatte man einfach Pech.

Mein Lehrer kam aus dem Staunen nicht heraus, als ich ihm zum allerersten Mal mit einer CD beschenken konnte, auf der der gedamte Busa, also das Gesamtwerk des Heiligen Thomas mit Index zu haben war!

Wie gut, dass es jetzt den Segen des Internets gibt! So konnte ich gestern, als ich mit meiner lieben Steffi auf Tour war, in einem dieser Shoppingparadiese auf diesem Sessel sitzen,

Sessel

konnte mir um mich herum das anschauen,

Auslage1

und das,

Auslage2

Und vor allem dabei auf meiem Phone lesen:

Busatext

, was zu deutsch heißt:

“Aud dem zuvor Gesagten wird klar, dass der Mensch durch die Gnade, die ihn Gott wohlgefällig macht, dahin geführt wird, dass er Gott liebt.
Die Gott wohlgefällig machende Gnade nämlich ist eine Wirkung der göttlichen Liebe. Die eigentliche Wirkung aber dieser Liebe im Menschen scheint zu sein, dass er Gott lieb gewinnt.
In der Intention des Liebenden liegt ja ganz besonders, dass er wieder geliebt wird. Daher trachtet der Liebende danach, dass der Geliebte zu seiner liebe hingezogen wird. Geschieht das nicht, vergeht seine Liebe zwangsläufig wieder. Daher folgt aus der Gott wohlgefällig machenden Gnade für den Menschen, das Gott lieb hat.”

Ist das nicht herrlich? Da geht man wieder gern auf Einkaufstour :)


Bilder vom heiligen Thomas

Freitag, Februar 10th, 2012

Habe ein paar wunderschöne Briefmarken aufgetan:

Briefmarke1

1

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2

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3

4

4

Katholische Fremdwörter Nr. 52: Die Gnade und die menschliche Güte

Dienstag, Februar 7th, 2012
Der Oberlehrer meint: Was mit fremden Wörtern erklärt wird, bleibt unverstänlich.

Der Oberlehrer meint: Was mit fremden Wörtern erklärt wird, bleibt unverstänlich.

Der heilige Thomas beginnt sein Gnadenkapitel eher ungewöhnlich. Normalerweise beginnt er, wenn er eine Sache erklärt, erst einmal mit der Frage, worum es sich eigentlich genauer handelt.
Als er sich Beispiel beginnt vom Neid zu schreiben, fragt er zunächst, ob der eine Art Traurigkeit sei.
Das Kapitel über die Gottesliebe hebt mit der Frage an, ob sie wohl eine Art der Freundschaft ist.
Es beginnt in der Regel mit einer genaueren Bestimmung dessen, was auf dem Programm steht.

Im Fall des Neides bejaht er übrigens: Der Neid ist sehr wohl eine Form der Traurigkeit, und zwar eine Traurigkeit über die Freude eines anderen. In Sachen Gottesliebe bestätigt er ebenfalls: Das Liebesverhältnis des Menschen zu Gott kann mit Fug Freundschaft genannt werden. Wie das sein kann, erklärt der Lehrer dann auf feine Weise.

Im Kapitel über die Gnade verlässt Thomas sein Schema. Der Leser erfährt in den ersten Erklärungen zwar, dass die Gnade eine Hilfe von Gott ist. Thomas fragt hier allerdings nicht zuerst, was sie genauer ist, sondern wozu der Mensch sie braucht.

Hier werden wir dann auch gleich überrascht: Der Lehrer scheint auf den ersten Blick keine gute Meinung vom Menschen zu haben. Er sagt nämlich, ohne die gnädige Hilfe Gottes könne der Mensch nicht nur nichts Gutes tun, sondern nicht einmal etwas Gutes wirklich wollen! Das dürfte überraschen, denn es unterscheidet sich kolossal von der Selbsteinschätzung des modernen Menschen.

Ich habe den Versuch gemacht. Als mich mein Nachbar einmal bat, ihm an seiner Baustelle zu helfen, gab ich ihm zur Antwort, ich sei zwar ein schlechter Mensch, aber ein guter Handlanger. Mein Gegenüber schaute mich mit großen Augen an und versuchte gleich auf mich einzuwirken, wie wenn man ein weinendes Kind beruhigt; ich sei doch alles andere als ein schlechter Mensch, er würde mich sogar ziemlich gut finden! Ich habe mich dann auch gleich erklärt, ansonsten hätte ich jetzt die Durchwahl seines Therapeuten.
Nach den gewohnten Maßstäben hatte mein Freund wohl Recht. Ich bin beileibe kein besonders guter Kerl, aber wer hierzulande niemanden umbringt und nicht betrügt, wer hin und wieder einen ausgibt, seinen Freunden unter die Arme greift und auch sonst kein Griesgram ist, der gilt schon mindestens als ganz in Ordnung.

Das mag bei den Heiligen wohl auch zutreffen. Unter einem guten Menschen aber verstehen sie offenbar etwas ganz anderes. Als der heilige Philipp in die Jahre kam und vom Sterben sprach, fragte man ihn, ob er dem Allmächtigen nicht das Angebot des heiligen Martin machen wollte. Der hatte dem Herrn gesagt, dass er gern sterben würde, um nach Hause in den Himmel zu können. Wenn es aber noch etwas für ihn zu tun gebe, dann würde er ebenso gern noch weiterleben.
Der heilige Phillip fing an zu weinen und sagte, er könne das Angebot nicht machen, er sei leider nicht von der Sorte Mensch, die Gott für etwas gebrauchen könne.
Der heilige Pfarrer von Ars sagte, die Heiligen könnten sich selbst nicht gut ausstehen, und der heilige Franziskus befahl dem Bruder Leo, ihn mit einem Strick um den Hals durch Assisi zu führen, damit alle sähen, was für ein Esel er sei.

Wir lesen die Geschichten unserer heiligen Helden als fromme Legenden und ihre Einschätzung wird allgemein als überzogene Übung einer noch mehr überzogenen Demut eingeschätzt. Ich glaube, da machen wir einen Fehler.

Alle Heiligen hätten wahrscheinlich jederzeit zugestimmt: Wer ganz in Ordnung ist, der ist schon ganz in Ordnung und mag sich auch beruhigen. Es wird auch gar nicht gut sein, wenn der Mensch zu wenig von  sich hält. Der heilige Thomas kritisiert die Kleinmütigen, die von sich weniger halten, als sie sollten. Besonders der heilige Philipp tadelte die frommen Damen sehr, die sich darin gefielen, diese eigentümliche, vermeintliche christliche Demut an den Tag zu legen.
Thomas spricht eigens von der kräftigenden Tugend der Hochgemutheit, die jene Menschen unbedingt brauchen, die sich klein reden oder für zu klein halten.

Wer in Ordnung ist, der ist schon ganz in Ordnung, und es wird auch seine Ordnung damit haben. Was aber ein wirklich guter Mensch ist, darin haben die Heiligen allerdings eine offensichtlich ganz andere Meinung als der gemeine Zeitgenosse unserer Tage und der Geschmack unserer Zeit. Das liegt allerdings nicht daran, dass die Heiligen niedrig vom Menschen, sondern dass sie so groß von Gott denken.

In einer Stadt, in der nur Käfer herumfahren, werden alle den mit dem größeren Motor schon schnell finden. Bei einem richtigen Autorennen würden sie allerdings erst erfahren, was wirkliche Geschwindigkeit ist.
Wenn der Mensch nur sein Menschsein als letzten Maßstab nehmen kann, dann ist schon gut, wer einigermaßen Gutes tut. Tritt aber Gott an seine Seite, dann weitet sich der Maßstab ins Unendliche und die Güte bekommt ganz neue Dimensionen, über die wir zu reden haben werden.

Katholische Fremdwörter Nr. 51: Thomas, die Gnade und der Gott, der nicht immer größer ist

Sonntag, Februar 5th, 2012
Der Oberlehrer meint: Was mit fremden Wörtern erklärt wird, bleibt unverstänlich.

Der Oberlehrer meint: Was mit fremden Wörtern erklärt wird, bleibt unverstänlich.

Der heilige Thomas stellt seinem Kapitel über die Gnade eine kurze Einleitung voran. Er schreibt in knappen Worten: „Als nächstes sollten wir konsequenterweise über das äußere Prinzip des menschlichen Tuns nachdenken, das Gott ist, insofern er uns durch seine Gnade zum rechten Tun behilflich ist.“ Dann kündigt er kurz die einzelnen Fragen an, die er sich stellen wird und los geht die Betrachtung.

Die theologische Summe, in der wir uns bewegen, gilt als das reifste Werk des Heiligen. Sie ist das letzte Buch, an dem er gearbeitet hat, und was mir an ihm besonders gefällt, ist seine Kürze und Präzision. Im Vorwort hatte Thomas angekündigt, er wolle jetzt ein Werk für Schüler und Anfänger schreiben, und die wolle er nicht mit überflüssigen Wiederholungen ermüden. Diesem Grundsatz ist er sich in allen dreieinhalbtausend Fragen gerecht geblieben, die er sich stellte.

Wenn ein derart gelehrter Könner derart knapp schreibt, dann können einzelne Sätze für den interessierten Schüler zu hübsch verzierten Truhen werden, aus denen sich glänzende Schätze heben lassen. So ließ sich denn auch einer der Kommentatoren hinreißen zu sagen, Thomas habe nur ein paar Jahre an seiner Summe gearbeitet, und ein ganzes Leben würde nicht reichen, sie zu kommentieren.

Da ist etwas Zweites, das mir in den zwanzig Jahren unserer Bekanntschaft immer ein Gegenstand heller Freude war: Die unerschütterliche Klarheit, die Thomas an den Tag legt. Es kommt einem vor, wie wenn über jedem seiner Sätze stünde (was er an anderer Stelle so ähnlich gesagt hat): „Wer richtig nachzudenken versteht, der müsste eigentlich zum selben Schluss kommen. Wer es aber besser weiß, der schreibe es nieder.“ In dieser Klarheit steht fest, und das sollte am besten jeder gleich wissen, bevor er sich ans Werk begibt: Bei Thomas ist Gott katholisch.

Ich sehe schon, wie die Widerständler jetzt prusten und lautstark von den Sitzen fahren. Natürlich hat gerade Thomas geschrieben, unser höchstes Wissen von Gott sei, dass wir ihn nicht wissen können.
Weil er das geschrieben hat, wurde er von vielen zum unfreiwilligen Zeugen ihrer Torheit erklärt.
Natürlich, sie haben Recht: Wir können Gott nicht erkennen, wie er sich erkennt. Wir können auch die Sonne nicht erkennen, weil zu viel Licht unsere Augen trübt. Das heißt aber doch nicht, dass sie nicht ganz konkret unseren Trittstein erwärmt!

Für den Aquinaten steht jedenfalls unerschütterlich fest, dass der selbe, unerkennbare Gott seinen Erdenkindern einen sehr konkreten Weg unter die Füße geschoben hat, auf dem sie gefälligst zu gehen haben, wenn sie zu ihm nach Hause wollen. Der Unerkennbare gibt eine sehr wohl erkennbare Richtung vor! Dieser Weg ist, wie gesagt, sehr konkret. Er ist logisch, und wer ihn kennt, kann sich nicht herausreden. Nicht beim heiligen Thomas.

Das gefällt einer beliebten Behauptung nicht, die nur die erste Hälfte des Thomas begrüßt und bei der zweiten nicht mehr hinhören möchte. Sie sagt: Gott ist unbekannt und deshalb muss alles Religiöse irgendwie unbekannt bleiben.
Man könnte meinen, das sei eine Behauptung der Agnostiker und würde die Katholiken nicht berühren. Das stimmt aber leider nicht. Die Agnostik ( kommt vom griechischen „nicht wissen“ und behauptet, dass niemand ein sicheres Wissen im Religiösen haben kann.) scheint sich vielmehr eine Art innere Zerbröselung in das katholische Selbstbewusstseins verbreitet zu haben, in dem man jetzt meint, zum katholischen Selbstbewusstsein gehöre auf jeden Fall, keins zu haben. „Wir sind zwar irgendwie noch katholisch. Aber so richtig als wahr behaupten, dürfen wir uns nicht mehr trauen“; wie wenn es sich nicht mehr gehören würde.

Der Islam ruft auf der ganzen Welt sein Alla hu agbar!, Gott ist größer!. Ein Ruf, den man – gut thomistisch – jederzeit unterschreiben kann. Zugleich ist es ein Ruf, den man – ebenso gut thomistisch – weit von sich weisen muss.
Natürlich ist Gott immer größer als all unsere Gedanken und Annahmen. Natürlich ist Gott immer größer als alles was wir tun und je geschieht. Wenn er aber als derart „immer größer“ gehandelt werden soll, dass uns alles aus den Fingern gleitet, weil nichts mehr zu halten ist, dann fängt es an zu kränkeln. Ich möchte dann gern ein kerngesundes, katholisches und greifbares „Gott ist groß!“ dagegen in die Welt rufen.

Gott ist groß. Er ist immer eine Nummer zu groß für uns. Aber er ist nicht immer nur größer. Was immer nur größer ist, das bleibt nicht bei uns und kann sich nicht klein machen. Was immer nur größer ist, das kann sich nicht entäußern und schon gar nicht einer von uns werden. Was immer größer ist, kann mich nicht erlösen, weil es immer gerade wieder zu groß für mich ist. Genau das alles ist aber geschehen. Genau das nicht zu Große ist Geschichte geworden und damit so konkret wie das Essen, das gerade auf mich wartet.

Aufs Ganze gesehen hat das Katholische immer beides: Das zu Große in Gott, das niemand auf Erden greifen kann und zugleich diese ganz konkrete, bindende und verbindende Seite. Der heilige Thomas spricht von beidem meisterlich und beherrscht den Spagat. Mitten darin ruht seine Lehre von der Gnade, innerhalb derer sich der Unbegreifliche nicht zu groß ist, uns mit seiner Hilfe zum rechtem Tun, wie Thomas sagt, zur Seite zu stehen.

Katholische Fremdwörter Nr. 50: Mein flaues Gefühl beim Schreiben über die Gnade

Samstag, Februar 4th, 2012
Der Oberlehrer meint: Was mit fremden Wörtern erklärt wird, bleibt unverstänlich.

Der Oberlehrer meint: Was mit fremden Wörtern erklärt wird, bleibt unverstänlich.

Ich liebe es, über die Gnade nachzudenken. Sobald ich aber über sie schreiben soll, bekomme ich ein flaues Gefühl in der Magengegend, über das ich gern ein Wort verlieren würde.

Es gibt tausende verschiedene Gnaden, über die man herrlich schreiben kann. Es gibt die Gnade der Natur, die begnadete Künstler erstrahlen lässt. Es gibt die Gnade der gütigen, märchenhaften Könige, die ihre Gefangenen laufen lassen. Es gibt die Gnade, die unsere Kinohelden den Verbrechern verweigern und es gibt die Gnade, die der Natur fehlt, wenn sie unschuldige Menschen unter einer Flutwelle ertrinken lässt. Das alles sind sehr verschiedene und überaus interessante Gnaden, über die man herrlich spannende Dinge schreiben könnte. Über die Gnaden Gottes schreiben aber ist meistens nur für den interessant, der über sie schreibt.

Wenn ich beklage, dass die Katholiken sich heutigentags nicht für die Gnade interessieren, dann meine ich die Gaben, die für gewöhnlich als die bekannten Gnadengeschenke Gottes bezeichnet werden. Die scheinen weniger interessantzu sein.

Würde sich herumsprechen, dass Gott ein Gnadenjahr des Herrn ausgerufen hätte und allen, die zur Kirche kommen, finanzielle Hilfen garantierte, dann müssten sich die Prediger nicht um volle Kirchenbänke sorgen.
Solange sie aber nur mit den Gnaden der göttlichen Verzeihung und mit Freifahrtscheinen in den Himmel werben können, haben sie ihre liebe Not, die Zeitgenossen hinter ihren Öfen hervor zu locken.

Es hat vor einiger Zeit einen evangelischen Pfarrer gegeben, der allen, die zur Kirche kamen, ein kleines Geldgeschenk machte. Die Leute kamen in Scharen. Es zeigte sich aber, dass die Annahme, die gleichen Leute würden später ohne Geldgeschenke noch einmal wieder kommen, ein schöner Traum gewesen war.

Wenn ich mir einmal herausnehme, mich an die Stelle Gottes zu versetzen, dann glaube ich, sein Problem ist nicht, dass er keine Gnaden geben will, sondern, dass er die, die er geben möchte, nicht los wird.


Wie jeder weiß, streiten sich innerhalb der katholischen Kirche wieder mal die Kesselflicker über das Für und Wider von allen möglichen Reformen. Die Diskussionen sind höchst spannend und unterhaltsam. Sie beschäftigen Heerscharen von leidenschaftlichen Journalisten, von Kirchenfürsten und Kirchengegnern.
Die Leidenschaft aber, mit der die Streitereien ausgetragen werden, und die Tatsache, dass sich sogar Leute aus der Politik einschalten, sind verlässliche Zeichen für die Tatsache, dass es um Themen geht, die mit dem eigentlichen Anliegen des Lieben Gottes, nämlich der gnadenhaften Heiligung der Menschen eher weniger zu tun haben.

Das Problem mit den Gnaden ist also nicht, dass die Menschen keine wollen. Das Problem ist eher, dass die Menschen kein Interesse an denen haben, die über ihnen ausgegossen werden sollen. Warum das so ist, das gehört geklärt.

Als man sich beim heiligen Philipp Neri beschwerte, weil die Kinder, um die er um sich scharte, wieder mal viel zu laut waren, antwortete der, von ihm aus könnten sie auf seinem Rücken Holz hacken. Lediglich die Sünde würde ihn traurig machen.
Wer den Heiligen auch nur ein wenig kennt, der weiß, dass es ihm nicht um eine brave Anständigkeit und um spießige Benimmregeln zu tun war. Philipp wusste nur zu gut: Wenn die Kinder der Sünde verfallen wären; das heißt, wenn sie aufgehört hätten, ehrlich zu sein und wenn sie anfangen hätten, einander zu belügen oder zu bestehlen, dann hätte er sie vor allem für das verloren, was ihm immer das Wichtigste war: Dass sie mit ihm in Gott verbunden waren!

Der heilige Phillip war zweifelsohne ein große Menschenführer, wie der heilige Don Bosco auch. Beide werden heute wegen ihrer pädagogischen Fähigkeiten von allen gerühmt. Was sie aber von allen andern Pädagogen unterschied, das war, dass sie in erster Linie gar keine guten Pädagogen sein wollten.
Sie formten aus ihren Schützlingen anständige, ehrliche Leute und tadellose Staatsbürger. Ihr Hauptanliegen war es aber nie, anständige Bürger der Gesellschaft, sonder vor allem Bürger des Himmels aus ihnen zu machen. Das ist bei allen Heiligen so. Und weil das so ist, werden sie in den Reformpapieren der Kirche nie zitiert. Die Heiligen werden heilig genannt werden, weil es ihnen vor allem um Heiligkeit ging. Und ich hege den Verdacht, dass sie heutigentags in der Kirche genau deshalb nicht zu Wort kommen.

Der heilige Thomas scheint das geahnt zu haben und ist hier ein Heiliger wie er im Buche steht. Er beginnt in der Summe sein großes Werk über den Menschen erst einmal damit, dessen großes Ziel, die ewige Glückseligkeit zu beschreiben.
Er fängt nicht, wie man es vermuten könnte, damit an, die Probleme des menschlichen Daseins zu beschreiben. Er beginnt eben so wenig mit der Entwicklung der menschlichen Art, mit deren Machart oder mit Wachsen. Er beginnt auch nicht mit sozialen Dingen oder mit zwischenmenschlichen Angelegenheiten. Er beginnt viel mehr erst einmal mit der großen Aussicht, in die der Mensch gestellt ist: Er spricht erst einmal lang und breit vom Himmel!

Wenn es um den Menschen geht, ist der heilige Thomas wie einer, der erst einmal von den großen Ferien schwärmt, wenn er von der Schule reden soll.
In großen Werk des heiligen Thomas über den Menschen ist das Kapitel von der Gnade Gottes das letzte, das den großen Plan zum Abschluss führt. Zu dem kommt, dass Thomas das große Kapitel über den Menschen überhaupt erst beginnt, nachdem er lang und breit über Gott gesprochen hat.

Das alles bringt meine Schwierigkeiten auf den Punkt, die ich habe, sobald es darum geht, ein Kapitel über die Gnade schreiben zu wollen: Wenn es mit der Gnade beginnt, dann kann es nicht anders, als mitten drin anzufangen und hinten aufzuhören, ohne das erste, das Wichtigste und zugleich Schönste zu erwähnen.
Mein flaues Gefühl beim Schreiben über die Gnade kommt aus dem bangen Wissen, zu beginnen wie unsere müde gewordene Kirche, die von allem, außer vom Lieben Gott zu sprechen versteht. Es kommt aus der Befürchtung, zuvor viel zu wenig über den gesagt zu haben, der die Gnaden so gern unter dem Menschen verteilt wissen will. Man kann eine gute Gabe nicht angemessen beschreiben, ohne ein Loblied auf den Geber zu singen. Ein solches Loblied aber müsste meinem Kapitel vorangehen. Daher mein Zögern und Zaudern.

Katholische Fremdwörter Nr. 49: Über die Gnade, zweite Einleitung

Donnerstag, Februar 2nd, 2012
Der Oberlehrer meint: Was mit fremden Wörtern erklärt wird, bleibt unverstänlich.

Der Oberlehrer meint: Was mit fremden Wörtern erklärt wird, bleibt unverstänlich.

Die Lehre von der Gnade ist ein weites Land. Man könnte Wochen lang über sie schreiben, weil man sich Jahrhunderte lang um sie gestritten hat. Der heilige Thomas hat viele erleuchtete Dinge über sie geschrieben, in die man sich mit wachsender Liebe vertiefen kann. Wer es etwas lebendiger haben will, der kann sich in die Streitereien um die Gnade begeben, zum Beispiel in die Fragen um die Reformation. Sie ist ja, wie gesehen, im Grunde ein Gnadenstreit.

Ein Gelegenheitsschreiber, wie ich einer bin, könnte sich also gleich ans Werk machen, sich die nötige Zeit nehmen und das über die Gnade niederschreiben, was andere vor Zeiten bereits niedergeschrieben haben. Als Protestant könnte er sich daran machen, die Gnadenlehre Luthers zu erläutern. Ein Thomist könnte den Traktat des heiligen Thomas Scheibe für Scheibe in die Alltagssprache übersetzen.

Aber genau da beginnt meine Schwierigkeit. Ganz gleich,  ob Protestant oder Katholik: Wer in aller Ruhe und Verständlichkeit dargelegt hat, was Gnade ist, wie sie wirkt und wie man sie bekommen kann, der hat für den moderenen Leser unserer Tage noch lange nichts von Wert geschrieben.
Für den heutigen Leser über die Gnade zu schreiben ist etwa so interessant, wie es gewesen wäre, meiner Großmutter die Arbeitsweise eines Computers darzulegen.

Die alte Dame hatte nicht nur keinen Rechner, sie wollte auch keinen. Hätte man sie in einen Computerladen gestellt, mit dem Angebot, ihr ein Geschenk zu machen, dann hätte sie sich wahrscheinlich für ein Stück aus der Deko entschieden. Mit Computern konnte sie nichts anfangen, und sie war in keiner Weise traurig darüber.
Wenn man einen modernen Zeitgenossen die Gnadenlehre von Luther oder Thomas unter die Nase hält, dann kann er vermutlich genau so wenig mit ihr anfangen und man könnte ihn hier wahrscheinlich nicht einmal für eine hübsche Formulierung im Text begeistern.

Luther und Thomas waren mittelalterliche Menschen. Thomas lebte im Hochmittelalter und Luther an der Schwelle der Neuzeit. Für mittelalterliche Menschen war die Gnadenlehre etwsa höchst Spannendes, etwas, was das praktische Leben betraf. Wir leben dagegen in der Neuzeit. Und zum Neuen an der Neuzeit gehört, dass man sich nicht für die Gnade nicht im geringsten interessiert.

Luther war, wie wir wissen, hinter der Gnade her, wie ein Ertrinkender, der Wasser sucht. Er rang wie im Würgegriff mit der Frage, wie er einen gnädigen Gott bekomme. Thomas war da eher gelassener. Nicht aber, weil ihm die Gnade nicht wichtig gewesen wäre, sondern weil er um die beruhigende Tatsache wusste, dass er immer schon einen gnädigen Gott hatte. Für beide war die Gnade Gottes wichtiger als alle technischen Errungenschaften der Welt. Luther und Thomas waren in ihren Methoden und Ansätzen so verschieden, wie man sich denken kann. Auf eine Sache hätten sie jedoch zusammen ihr Glas erhoben: Die Gnade Gottes ist wichtiger als die Luft um atmen! Das ist heute gründlich anders.

Als ich während der letzten Tage im Gnadenkapitel des heiligen Thomas gestöbert habe, war meine Schwierigkeit nicht etwa, dass meine Zeitgenossen das vielleicht nicht verstehen würden. Sorgen machte mir eher, dass sie nichts davon hören wollen. Wer heute von der Gnade Gottes redet, gleicht einem Prediger, der Blinde heilen kann und vor Leuten spricht, die ihn allesamt sehen können
Sinnvoll über die Gnade schreiben würde also gar nicht bedeuten, die Gnade selbst abzuhandeln, sondern erst einmal von der Notwendigkeit zu sprechen, sie zu bekommen.

Mein lieber Feiertag

Samstag, Januar 28th, 2012

Aquinas2


Es heißt: Reginald von Piperno, der Freund und Schreiber des heiligen Thomas lag einmal sterbenskrank darnieder. Der Heilige legte ihm eine Reliquie der heiligen Agnes auf die Brust und sagte, er müsse jetzt einen ganz festen Glauben haben. Der Freund wurde durch ein Wunder gesund, und wie es sich für einen ordentlichen Heiligen gehört, versprach Thomas ein Dankopfer: Er lud seine Studenten am Fest der heiligen Agnes zum Essen ein.

Das sollte Grund genug sein, heute, am Gedenktag des heiligen Thomas, meinen großen Liebling unter den Heiligen dadurch zu ehren, dass ich etwas Gutes esse und den nächstbesten Freund, der mir über den Weg läuft, einlade um, wenn er Lust hat, ein gutes Gespräch mit ihm zu führen.