
Der Oberlehrer meint: Was mit fremden Wörtern erklärt wird, bleibt unverstänlich.
Je länger ich über meine Aufgabe nachdenke, über Inquisition und Ketzerei zu schreiben, je mehr drängt sich mir der Gedanke auf, wo unser eigentliches Grundproblem damit liegt.
Kaiser Konstantin hat das Christentum im vierten Jahrhundert erstmals staatlich erlaubt. Nicht nur das. Er fing sogleich an, es zu fördern. Damit wurde die christliche Religion, wie zuvor die heidnische, zur Staatsangelegenheit und zu einem Element der gesellschaftlichen Ordnung.
Von dieser Zeit an galt Ketzerei immer auch als ein Angriff auf die gesellschaftliche Ruhe. Es war der am Ende auch der Kaiser, der im ersten großen Kirchenstreit die Bischöfe zusammenrief, dass sie sich gefälligst einigen sollten. Es war auch der Kaiser, der die ersten Verbannungen von andersgläubigen Bischöfen garantierte. Immer galt, wer die Religion durcheinander bringt, der bringt die Gesellschaft durcheinander.
Gar nicht lange vor Konstantin mussten die Christen aus dem gleichen Grund sterben. Hier waren sie es noch gewesen, die sich weigerten, dem Kult zu dienen, der die Gesellschaft zusammen hielt.
Was gern übersehen wird, ist dieses doppelte Interesse. Es stimmt nicht, dass nur die Kirche einfach ihre Wünsche anmeldete, die Ketzer loszuwerden und den Staat dazu brauchte. Genau so wahr ist, dass auch die Politik ein allergrößtes Interesse hatte, die Ketzer zu finden. Der Staat wollte sich ihrer ebenso entledigen und brauchte die Kirche, sie aufzustöbern.
Wir brauchen nicht immer versuchen, die Kirche aus den Schatten heraus zu reden, in dem sie nunmal stand und steht. Es würde oft schon reichen zu zeigen, dass sie dort nicht allein ist.
Die große Sünde, der sie sich anzuklagen hat ist nicht, dass sie Ketzer für Ketzer hält. Ihr großes Problem ist, dass sie immer mit der ganzen Gesellschaft schuldig wird und nicht vermag, ihr ein kritisches Licht anzuzünden.
Heute haben wir das gleiche Problem in etwas anderer Gestalt. Natürlich hat die Gesellschaft kein Interesse mehr, Ketzer aufzuspüren und zu vernichten. Das liegt aber nicht daran, dass sie nicht mehr auf Jagd geht.
Es sind nur nicht mehr die Ketzer, weil Ketzerei keine gesellschaftliche Bedrohung mehr bedeutet.
Heute sind es, gesellschaftlich gesehen, andere Störenfriede, auf die Jagd gemacht wird. Plassberg stellte in seiner Sendung fest, dass uns heute bereits gelingt, über neunzig Prozent aller Ungeborenen mit Downsyndrom zu finden und abzutreiben.
Wir sehen heute, dass die Kirche in früheren Zeiten zu sehr mit den staatlichen Organen verbündet war und sie für ihre Zwecke nutzte. Ebenso bediente sich der Staat der kirchlichen Mittel, wie der Inquisition, ihre gesellschaftlichen Störenfriede ausfindig zu machen.
Wir erkennen in der modernen Trennung von Kirche und Staat eine große Chance, sich von diesen Verquickungen fern zu halten. Es wäre es ein wichtiges Zeichen seitens der Kirche, sich entsprechend deutlich abzugrenzen. Es scheinen mir aber gerade die modernen Bestrebungen der kirchlichen Annhäherung an die gesellschaftlichen Trends eine Gefahr zu sein, sich wieder in alte Muster zu begeben.
Wenn die Kirche sich in Fragen der Abtreibung, der Euthanasie oder anderer gesellschaftlicher Bewegungen wieder an die Trends anschmiegt, scheint mir das eine ziemlich deutliche Parallele zu sein an Zustände, die uns eigentlich eine Lehre sein müssten.






















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