
Der Oberlehrer meint: Was mit fremden Wörtern erklärt wird, bleibt unverstänlich.
Die Lehre von der Gnade ist ein weites Land. Man könnte Wochen lang über sie schreiben, weil man sich Jahrhunderte lang um sie gestritten hat. Der heilige Thomas hat viele erleuchtete Dinge über sie geschrieben, in die man sich mit wachsender Liebe vertiefen kann. Wer es etwas lebendiger haben will, der kann sich in die Streitereien um die Gnade begeben, zum Beispiel in die Fragen um die Reformation. Sie ist ja, wie gesehen, im Grunde ein Gnadenstreit.
Ein Gelegenheitsschreiber, wie ich einer bin, könnte sich also gleich ans Werk machen, sich die nötige Zeit nehmen und das über die Gnade niederschreiben, was andere vor Zeiten bereits niedergeschrieben haben. Als Protestant könnte er sich daran machen, die Gnadenlehre Luthers zu erläutern. Ein Thomist könnte den Traktat des heiligen Thomas Scheibe für Scheibe in die Alltagssprache übersetzen.
Aber genau da beginnt meine Schwierigkeit. Ganz gleich, ob Protestant oder Katholik: Wer in aller Ruhe und Verständlichkeit dargelegt hat, was Gnade ist, wie sie wirkt und wie man sie bekommen kann, der hat für den moderenen Leser unserer Tage noch lange nichts von Wert geschrieben.
Für den heutigen Leser über die Gnade zu schreiben ist etwa so interessant, wie es gewesen wäre, meiner Großmutter die Arbeitsweise eines Computers darzulegen.
Die alte Dame hatte nicht nur keinen Rechner, sie wollte auch keinen. Hätte man sie in einen Computerladen gestellt, mit dem Angebot, ihr ein Geschenk zu machen, dann hätte sie sich wahrscheinlich für ein Stück aus der Deko entschieden. Mit Computern konnte sie nichts anfangen, und sie war in keiner Weise traurig darüber.
Wenn man einen modernen Zeitgenossen die Gnadenlehre von Luther oder Thomas unter die Nase hält, dann kann er vermutlich genau so wenig mit ihr anfangen und man könnte ihn hier wahrscheinlich nicht einmal für eine hübsche Formulierung im Text begeistern.
Luther und Thomas waren mittelalterliche Menschen. Thomas lebte im Hochmittelalter und Luther an der Schwelle der Neuzeit. Für mittelalterliche Menschen war die Gnadenlehre etwsa höchst Spannendes, etwas, was das praktische Leben betraf. Wir leben dagegen in der Neuzeit. Und zum Neuen an der Neuzeit gehört, dass man sich nicht für die Gnade nicht im geringsten interessiert.
Luther war, wie wir wissen, hinter der Gnade her, wie ein Ertrinkender, der Wasser sucht. Er rang wie im Würgegriff mit der Frage, wie er einen gnädigen Gott bekomme. Thomas war da eher gelassener. Nicht aber, weil ihm die Gnade nicht wichtig gewesen wäre, sondern weil er um die beruhigende Tatsache wusste, dass er immer schon einen gnädigen Gott hatte. Für beide war die Gnade Gottes wichtiger als alle technischen Errungenschaften der Welt. Luther und Thomas waren in ihren Methoden und Ansätzen so verschieden, wie man sich denken kann. Auf eine Sache hätten sie jedoch zusammen ihr Glas erhoben: Die Gnade Gottes ist wichtiger als die Luft um atmen! Das ist heute gründlich anders.
Als ich während der letzten Tage im Gnadenkapitel des heiligen Thomas gestöbert habe, war meine Schwierigkeit nicht etwa, dass meine Zeitgenossen das vielleicht nicht verstehen würden. Sorgen machte mir eher, dass sie nichts davon hören wollen. Wer heute von der Gnade Gottes redet, gleicht einem Prediger, der Blinde heilen kann und vor Leuten spricht, die ihn allesamt sehen können
Sinnvoll über die Gnade schreiben würde also gar nicht bedeuten, die Gnade selbst abzuhandeln, sondern erst einmal von der Notwendigkeit zu sprechen, sie zu bekommen.
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