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Katholische Fremdwörter Nr. 41: Modernismus, eine Erklärung

Samstag, Januar 7th, 2012
Der Oberlehrer meint: Was mit fremden Wörtern erklärt wird, bleibt unverstänlich.

Der Oberlehrer meint: Was mit fremden Wörtern erklärt wird, bleibt unverstänlich.

Ich habe das Wort Modernismus eingeführt und sollte vielleicht wenigstens kurz erklären, was ich damit meine.
Wenn mich mein legendärer Marsmensch des Nachts wieder besuchen käme und vom Menschen etwas erfahren wollte, dann würde ich ihm viel erzählen können. Er würde erfahren, dass ein Mensch ganz klein zur Welt kommt. Dass er da noch keine Zähne hat, dass er noch nicht laufen kann, nicht sprechen und dass er in keiner Weise selbst für sich sorgen kann. 
Später wächst er heran, er wird groß und selbständig, er verändert sein Aussehen und sorgt für sein Dasein. Später wird er alt, grau und wieder gebrechlicher.

Wenn mein nächtlicher Gast mich zu früh verlässt und ich versäume, etwas Entscheidendes zu sagen, wird er vielleicht eine ganz falsche Meinung vom Menschen haben. Er wird glauben, dass sich der Mensch im Laufe seines Lebens total verändert. Damit könnte er auf den Gedanken kommen, dass sich alles an ihm ändert und nichts bleibt.
Unsere Biologen stellen fest, dass sich die Zellen im Laufe ihres Lebens zum allergrößten Teil komplett erneuern. Das meiste ändert sich also und könnte meinen Freund veranlassen zu glauben, dass sich alles ändert.
Der Schluss liegt nahe, ist aber falsch.

Zeigt man einem Fremden ein Babyfoto, ein Foto aus der Jugend und eins aus dem Alter, wird er meinen, man zeige ihm drei verschiedene Menschen. Genau das stimmt aber nicht. Ganz entscheidend ist ja, dass die drei völlig verschiedenen Typen ein und dieselbe Person geblieben sind.
Ich müsste meinem nächtlichen Freund etwas über das erzählen, dass es eine bleibende, personale Existenz gibt: So ziemlich alles ändert sich. Das Entscheidende beim Menschsein ist aber gerade, dass die Person etwas ist, was durch alle Veränderungen hindurch gleich bleibt. Der Mensch bleibt derselbe Mensch, ganz gleich, was mit ihm passiert und was man mit ihm anstellt.

Wenn mein grüner Freund eines Nachts wieder kommen würde und wissen wolle, worin denn das Bleibende bestehe, dann müsste ich ihn bitten, bis zum Morgengrauen zu bleiben. Es wäre nämlich nicht ganz einfach, ihm darzulegen, was eine menschliche Person ausmacht und was vor allem dafür sorgt, dass sie bei allen großen Veränderungen unveränderlich bleibt.

Vielleicht würde ich ihm sagen, dass man einem Menschen – theoretisch – die Arme, die Beine und den Rumpf nehmen könnte. Er würde immer noch dieser Mensch bleiben, zu dem man Du sagen kann. Wenn man weiter gehen würde; man würde an einen Punkt kommen, wo man dem Kern des Menschen nichts mehr wegnehmen kann, ohne ihn mit einem Mal zu vernichten.
Vielleicht würde ich ihm ein Nashorns als Beispiel nennen. Ein solcher Dickhäuter, dem man mit einem Schuss sein Leben nimmt, ist im strengen Sinn kein Nashorn mehr. Da liegt zwar noch der Kadaver. Das Nashorn aber ist weg. Wir sagen zwar, da liegt ein totes Nashorn. Genau genommen ist es aber eher ein ehemaliges als eins, das wirklich noch ein Nashorn ist. Etwas philosophisch und aristotelisch kann man sagen: Das Leben macht das Sein des Tieres aus. Nimmt man ihm sein Leben, dann ist er kein wirkliches Tier mehr.

Mein nächtlicher Besuch würde jetzt wissen wollen, wie das mit dem Leben des Menschen ist. Spätestens da müsste ich meinen christlichen Glauben einführen. Der nämlich bestimmt ab hier alles, was ich sage.
Wenn nun mein Freund regelmäßig kommen würde und wir Zeit hätten, über die Kirche zu sprechen, dann müssten wir auf ganz ähnliche Themen kommen. Ich würde ihm erklären, dass auch sie sich, wie ein Mensch, laufend verändert. Ich würde ihm erklären, dass auch die Kirche einen Kern hat, den man nicht verändern kann. Wenn wir diesen Kern umschreiben wollen, dann erzählen wir uns Sätze, die ganz verschieden lauten, und die wir unter dem Begriff bleibende Wahrheiten einordnen.

Auf die Länge würde ich meinem neuen Freund der Vollständigkeit halber allerdings auch sagen müssen, dass es Menschen in der Kirche gibt, die das alles gar nicht glauben. Ich würde ihm sagen müssen, dass es Leute gibt, die nicht an etwas Bleibendes glauben, weder in Sachen Mensch, noch in Sachen Kirche. Ich würde ihm sagen, dass es Leute gibt, die meinen, dass sich grundsätzlich alles ganz verändert und dass auch in der Kirche kein Kern stehen bleibt, der allem Verändern entzogen bleibt. Ich würde ihm sagen müssen, dass es in der Kirche Leute gibt, die nicht glauben, dass es einen innersten Kern gibt, den es zu schützen gilt. Diese Leute würde ich Modernisten nennen.

Gedanken übers Sauersein, über Weihnachten, die moderne Theologie und die Hölle

Dienstag, Januar 3rd, 2012
Das Konkrete kann die Schärfe eines Schwertes haben.

Das Konkrete kann die Schärfe eines Schwertes haben.

Gestern hat mich meine Gesprächspartnerin verdutzt angesehen, als ich sagte, die Leute seien in der Regel gar nicht sauer, weil sie Grund zum Sauersein haben. Die Leute sind sauer, weil sie sauer sein wollen.
Erst kommt der Wunsch, dann die Möglichkeit, dann wird behauptet, es müsse so sein.

Mich erinnert das an eine Filmszene, die mich irgendwann in meiner Kindheit entsetzt hat. Da war ein mächtiger König, der gerade dabei war, einen Krieg zu verlieren. Er erschlug den Boten, der ihm die schlechte Nachricht brachte und verlangte, es solle jetzt gefälligst einer kommen, der ihm den Sieg verkündet!  
Ich weiß jetzt gar nicht, was mich mehr entsetzt hat: Der Tod des unschuldigen Boten, der doch nur getan hat, was er tun musste, und der vor allem die Wahrheit gesagt hatte. 
Oder war es die Grausamkeit des Königs, der ihn einfach erschlug? 
Oder war es gar die Tatsache, dass der König die Wahrheit nicht wahr haben wollte und es vorzog, sich als Belogener wohl zu fühlen?
Im Gedächtnis geblieben ist mir die Geschichte sicher aber wegen des letzten Punktes: Der Wunsch hatte den Vorrang vor der Wahrheit.

Wie gesagt, war ich als Kind ziemlich entsetzt. Meine Gesprächspartnerin gestern war es auch. Den ganzen Tag über sind irgendwelche Leute sauer und behaupten, sie müssten es sein, dabei merken weder sie noch alle anderen, dass sie es eigentlich nur sein wollen!

Das ganze sollte uns nicht zu sehr wundern. Ganze Lebensläufe wurden auf solche Täuschungen errichtet und die gesamte, moderne Theologie ist von dieser Bauart. Das ist es ja, was ich ihr vorwerfe.
Erst kommt der Wunsch, dann wird die Lehre nach diesem Wunsch gebastelt und als wahr erklärt.
Die moderne Theologie sagt zum Beispiel, niemand würde in die Hölle kommen. Sie sagt das aber nicht, weil man es feststellen musste, sondern, weil man es feststellen wollte. Der König hat ein Gutachten in Auftrag gegeben und gleich dazu gesagt, wie es gefälligst auszugehen habe.

Grob gesehen gibt es zwei größere Stränge, denen man hier folgt. Die einen sagen, man müsse und könne als Christ die Hölle leer hoffen. Eine Art unschuldige Hoffnung würde das Glück des Himmels für alle bewirken. Darüber habe ich schon etwas geschrieben und möchte es bald wieder tun.

Der zweite Strang ist, wenn ich richtig sehe, sehr stark besetzt. Er sagt, das Leben könne gewesen sein, wie es wolle. Ganz am Ende würde der Liebenswürdigkeit Gottes ja doch niemand widerstehen können und alle würden sich letztlich für ihn und den Himmel entscheiden. Auch da wird schließlich alles gut; und mit gut ist das gemeint, was wir gut finden.

Mein Problem ist, dass ich Menschen widersprechen muss, die ich mag und die es schrecklich gut meinen. Ich glaube aber, ihre Lehre marschiert auf einem ziemlich tragischen Holzweg; aus Gründen, über die ich gern sprechen würde. Was mit aber auffällt, das ist, dass der liebe Wunsch blind für die Wahrheit geworden ist.

Es mag verwundern, aber es ist vor allem die liebe Botschaft von Weihnachten, die allen lieben Tendenzen mit grausamer Gewalt ein Ende macht. Das Liebenswürdigste, was je auf Erden gepredigt wurde, entpuppt sich hier als etwas mit brachialer, erschreckender Gewalt. Es ist die Gewalt des Konkreten, die Gewalt der Tatsache, dass man etwas anfassen kann, wobei es kein Umhin mehr gibt.

Die Feministen hoffen, dass Gott ein Mädchen wird. Der Teufel hofft, dass er gar nicht kommt. Die Theoretiker erzählen nur von Möglichkeiten. Alle sind sehr verschieden und allen ist der Schrecken des Konkreten gemeinsam. Gott wurde ein Junge, grausam unabänderlich; er ist erschienen und vor allem: Ganz konkret, also wirklich wirklich, wenn man so möchte. Das kann sehr grausam sein. Vor allem, wenn man das Gegenteil erhofft hat.
Weihnachten hat diese grausame Botschaft, die nicht vergeht, wenn man den Botschafter tötet.
Ich fürchte, auch bei unserem dauernden Sauersein werden wir eines Tages hören müssen, dass wir es vor allem sein wollten, nicht mussten.

Katholische Fremdwörter Nr. 37: Spaß und Freude

Sonntag, Dezember 11th, 2011
Der Oberlehrer meint: Was mit fremden Wörtern erklärt wird, bleibt unverstänlich.

Der Oberlehrer meint: Was mit fremden Wörtern erklärt wird, bleibt unverstänlich.

Vielleicht nicht ganz unpassend zum heutigen Gaudetesonntag ein kleiner Gedanke zur Freude.
Ich wünsche allen Lesern einen gesegneten dritten Advent!

Als ein lieber Freund versuchte, mir vor Zeiten seine Leidenschaft für die Musik Mozarts zu erklären, machte er eine interessante Unterscheidung. Es gebe Musik, die zerstreut und solche, die sammelt. Die Unterscheidung leuchtete ein. Bei der Musik, die zerstreut dachte ich gleich an die gewohnte Musik, die auf allen Partys gespielt wird. Musik, die zerstreut, die erleichtert, die löst und bei der man die Anspannung des Alltags entladen kann.
Während ich über die sammelnde Musik nachdachte, lief Mozart gerade. Auch das stimmte. Diese Musik wirkte, wie wenn sich alles wie in einem Hohlspiegel auf die Harmonie und den Genuss des Zusammenspiels konzentrieren wollte. Wie wenn ein Meister der Küche zahlreiche Zutaten von überall her nimmt und zu einem Gericht zusammenführt.
Beide Sorten Musik sorgt für Freude, und doch sind die Freuden sehr verschieden.
Die Musik, die zerstreute, bleibt eher flacher an der Oberfläche, wogegen die klassischen Klänge konzentriert in die Tiefe des Gemütes reichen.

Es gibt eine zweite Unterscheidung. Die eine Kunst kommt sofort an, wie man sagt. Der Genuss der anderen braucht eine Vorbereitung. Es braucht eine Art Bildung, die dem tieferen Genuss vorausgeht.
Wenn Liebhaber der klassischen Dichtkunst zusammenkommen, sieht man ihre Augen glänzen. Sie unterhalten sich über ihre Lieblingsdichter und tauschen ihre Entdeckunsreisen in das Reich der Poesie aus. Sie alle haben nicht nur das Lesen gemein, sondern auch das Lesenlernen.

Der Genuss von Shakespears Dramen setzt das Üben von Versmaßen und der Kunst des Reimeschmiedens voraus. Vorher erschließt sich das Werk einfach nicht.

Beim heiligen Thomas ist das wohl ähnlich. Für Feinschmecker bietet er den höchsten Genuss an Erkenntnis und tausend neuer Ideen. Um ihn genießen zu können, muss man sich erst in seine Sprache und Denkwelt einarbeiten.
Auf der anderen Seite gibt es Reime und Gedichte, die jedem Kind ins Ohr gehen. Es gibt Klänge, die jeden gleich zum Tanzen bringen.

Wo es heute um die Freude geht, lässt sich auch ein solcher Unterschied ausmachen. Die deutsche Sprache hat zwei verschiedenen Wörter dafür reserviert. Das eine heißt Spaß und das andere Freude im eigentlicheren Sinn.
Wenn uns jemand sagt, er ziehe los, um Spaß zu haben, dann rückt er nicht aus, um Versmaße zu lernen und sich in lateinische Vokabeln einzuarbeiten.  
Kommt aber jemand und sagt, er suche die tieferen Freuden des Lebens, dann wird er bereit sein, dafür erst ein Stück Weg und Mühe auf sich zu nehmen. Damit sich das lohnt, muss diese Freude doch irgendwie größer sein, als die einfache, schnelle.

Dem bisherigen Gedanken folgend, hat die tiefere Freude mit einer Art Umweg zu tun. Man muss erst etwas lernen, um an den Genuss zu kommen. Wie wenn man eine Schale erst knacken muss, um an die Nuss zu kommen.
Die Freude nimmt den Umweg über das Verstehen, während der Spaß eher unmittelbar vermittelt wird und nicht kapiert werden muss.
Ein Spaß ist es, sich zu kratzen, wenn es irgendwo juckt. Der Genuss kommt unmittelbar aus der Berührung, und er verfliegt auch sogleich wieder. Die Freude kommt erst zustande, wenn ein Wissen, ein Verstehen dabei ist.

Es macht Spaß, Musik zu machen. Das Vergnügen kommt unmittelbar aus dem Spielen und dem Hören. Richtig Freude macht es aber erst, wenn man weiß, dass die Eltern in der ersten Reihe sitzen. Dieses Wissen fordert den Umweg des Verstehens. Ein gutes Essen macht Spaß und erfreut uns unmittelbar. Wirklich wertvoll wird es erst im Wissen, dass es jemand mit Liebe für uns zubereitet hat.

Für den heiligen Thomas ist nichts klarer, als dass der Mensch für die Freude gemacht ist. Im Sentenzenkommentar steht der lapidare Satz, den ich lange auf den Schreibtisch kleben hatte: „Der Genuss ist die vornehmste Tätigkeit des Himmels.“
Der Mensch ist nicht nur ein Wesen, das Freude haben kann. Es ist vor allem ein Wesen, das Freude haben soll! Diese Freude aber ist, wie Thomas sagt, vornehmlich intellektueller Art. Das heißt, es ist eine verstandene Freude. Es ist eine, deren Genuss gerade darin liegt, dass die Dinge klar sind.

Ein negatives Bild, das zur Erklärung gegen diese Folie gehalten wird ist das Animalische. Die Tiere müssen unter den Geschöpfen schon mal herhalten, um jene Menschen zu kennzeichnen, die nichts von all dem wissen wollen. Leute, die sich vor lauter Spaßwollen für keine Freude mehr interessieren, werden schon mal als animalische Wesen bezeichnet; als solche, die sich auf die Stufe jener Geschöpfe erniedrigen, denen die Fähigkeit zur Freude nicht mitgegeben wurde.

Hier bekommt die Rede von der Freude eine Art heiligen Ernst. Der Mensch ist für die Freude geschaffen. Die erlangt er, wenn er die Mühe nicht von sich weist, die es bedeutet, ein ganzer Mensch zu werden. Das bedeutet, was wir schon öfter gesehen haben: Um die tieferen Freuden des Menschseins zu haben und halten zu können, muss man schon mal bereit sein, auf den einen oder anderen schnellen Spaß zu verzichten.

Katholische Fremdwörter Nr. 35: Sein und Sollen, ein weiterer Gedanke zur Schöpfung

Donnerstag, Dezember 8th, 2011
Der Oberlehrer meint: Was mit fremden Wörtern erklärt wird, bleibt unverstänlich.

Der Oberlehrer meint: Was mit fremden Wörtern erklärt wird, bleibt unverstänlich.

Der Papst hat im Deutschen Bundestag gebeten, die Katholiken mögen über Sein und Sollen nachdenken. Damit haben wir eine Hausaufgabe aufbekommen und müssen ein bisschen über die alte, christliche Philosophie nachdenken. Gehen wir also noch ein bisschen klassischen Gedanken nach.

Wir haben gesehen: Die verschiedensten Dinge der Welt haben alle etwas gemeinsam, auf das man nicht gleich kommt.
Jeder wird sagen, ein Nashorn hat wenig mit einem Bauernhaus gemein. Aber dass wir sie nennen und über sie reden können, das verbindet sie.
Ein Nashorn befindet sich entweder im Zoo oder in der Savanne. Es befindet sich aber. Es kann sein, dass es gestern noch in der Steppe war und heute im Zoo ist. Es hat sich aber immer irgendwo befunden.
Wir können es wiegen und sagen, wie schwer es ist. Wir können sagen, dass es aus Fleisch, Knochen und vielen anderen Materialien besteht. Wir können mit dem Finger auf es zeigen und sagen, es ist genau dieses Exemplar und nicht etwa sein Nachbarnashorn.
Alle Behauptungen dieser Art können wir von allen anderen Dingen auch machen.
Von einem Bauernhaus wird zwar niemand sagen, dass es heute in der Steppe und morgen im Zoo ist. Wir können aber sagen, dass es heute auf dem Land steht und vor hundert Jahren noch nicht da war. Über jedes Ding, das es gibt, kann man sagen, dass es irgendwann irgendwo ist. Wir können von jedem Ding sagen, wie groß, dick und dünn es ist. Auf jedes Ding können wir zeigen und jedes Ding kann beschrieben werden.
Jeder wird sagen, das alles sei völlig selbstverständlich. Ich will aber auf etwas hinaus.

Die klassische Lehre fügt dem Ganzen etwas Ungewöhnliches hinzu: Nämlich, dass die Dinge nicht nur da, sondern automatisch auch gut sind. Wir Modernen sind eher gewohnt zu sagen, dass sich die Dinge erst einmal als gut bewähren müssen. Dass sie da sind, gilt eher als neutral.

Wir sagen, der heilige Martin ist gut, weil er sich als gut bewährt hat. Gut ist er zum Beispiel, weil er mit dem Bettler seinen Mantel geteilt hat. Die klassische Lehre sagt, gut sei Martin schon lange vorher gewesen; und zwar allein schon, weil es ihn gibt.
Wir nennen jemanden gut, wenn er einen Ertrinkenden aus einem See fischt. Die Alten sagen, gut sei schon gewesen, dass es den See gab.

Der heilige Thomas sagt, für das reine Dasein können wir schon Gutsein sagen. Das ist für uns eher ungewöhnlich.
Wir sind gewohnt die Welt als neutral anzusehen. Die Welt ist eine neutrale Theaterbühne, auf der das Stück „mein Leben“ gespielt wird.  Wir finden das Stück gut, wenn es jemand gut spielt. Der heilige Thomas hätte die Pinsel schon gut genannt, mit denen das Bühnenbild gemalt wurde.
Der Punkt ist: Der moderne Mensch ist gewohnt, mit „gut“ gleich etwas Moralisches zu verbinden, oder etwas, was „gut für uns“ ist. Entweder jemand benimmt sich gut, dann ist er gut; oder etwas tut ihm gut, dann kommt es auch in Frage. Die klassische, christliche Philosophie kennt sozusagen ein weiteres „gut“, nämlich das aller Dinge an sich; und dass nur, weil sie vom guten Gott geschaffen sind.

Ein Gedankenspiel. In der Gegend, in der ich wohne, pflegen manche das Wörtchen „tun“ ungewöhnlich oft zu benutzen. Man sagt nicht unbedingt nur, dass ein Baum wächst. Man kann durchaus manchmal hören, dass ein Baum wachsen tut. Wenn ein Mann redet, kann man auch sagen, er tut reden. Diese Sprache hat, philosophnisch gesehen, eine offenbarende Tiefe. Ein Baum steht nicht nur im Garten, sondern er tut da sein. Das trifft ziemlich genau den Punkt dessen, was ich sagen möchte. Bei den alten Meistern hat man nämlich den Eindruck, dass sie das reine Dasein schon als ein Tun ansehen.

Die Schöpfungsgeschichte sagt, Gott sah alles, was er gemacht hatte und er sah, dass es gut war. Entscheidend ist nun: Der Schöpfer ruft die Dinge nicht nur ins Leben. Er ruft ihnen auch zu, dass es gut ist, dass sie da sind.
“Danke, es ist gut, dass es dich gibt”, klingt wie ein Dankeschön dafür, dass jemand sein Dasein für mich vollbringt; dass er da sein tut. Das reine Dasein ist in gewisser Weise eine aktive Art, etwas zu vollbringen.

Hier treffen sich aber zwei Seiten. Auf der einen vollbringen die Dinge ihr Dasein, auf der anderen Seite könnten sie das nicht, wenn Gott ihnen nicht zuvorkäme, in dem er ihnen sozusagen erlaubt, ihr Dasein zu leisten.

Ein guter Läufer kann zu seinem Schöpfer also sagen: „Die Leute danken mir, dass ich so schön gelaufen bin. Ich danke Dir, dass ich ihnen mein Dasein schenken, dass ich so gut laufen kann und das Du mich überhaupt da sein lässt.“
Worauf es ankommt ist: Nach der klassischen Definition von Schöpfung sind die Dinge keine neutralen Überbleibsel eines alten Künstlers, der vielleicht schon lange tot ist. Das sind sie für den modernen Verstand. Für den heiligen Thomas sind die Dinge da, weil sie ihr Dasein vollziehen und weil der Künstler seinen alten Magneten nicht abstellt, aus dessen Energie sie leben.
Ein Philosoph alter Schule könnte über einen Baum, der für uns einfach nur dasteht, sagen: „Den alten Baum da, den macht Gott gerade für mich. Und indem er da ist, spielt er dem Schöpfer und mir das Lied seines Daseins.“

Gedanken zur Lebensphilosophie

Montag, Dezember 5th, 2011
Weltanschauungen ohne ein Grundvertrauen in Überliefertes müssten uns eigentlich verdächtig sein.

Weltanschauungen ohne ein Grundvertrauen in Überliefertes müssten uns eigentlich verdächtig sein.

Die wenigsten Menschen können sich leisten, die großen Bücher der Denkgeschichte zu studieren.
Der heilige Thomas unterscheidet in seiner philosophischen Summe vier Sorten von Leuten, denen dieser Luxus nicht vergönnt ist. 
Als erstes nennt er die, die nicht können. Entweder es fehlt an Bildung oder an den nötigen Fähigkeiten. Es kann halt nicht jeder philosophieren.
Zweitens gibt es Leute, die zu beschäftigt sind. Sie sind zu sehr von den praktischen des Lebens Dingen in Beschlag genommen, dass ihnen schlicht die Zeit fehlt.
Drittens gibt es solche, die keine Lust haben oder zu faul sind. Die könnten, aber wollen nicht.
Als viertes nennt der Meister die Jugendlichen. Sie seien viel zu sehr von ihren Leidenschaften in Beschlag genommen. Von ihnen könne man dieser Art Studium nicht verlangen.

Es fällt auf, dass hier nicht die leiseste Kritik kommt. Es hebt sich kein drohender Zeigefinger, auch nicht gegenüber der dritten Gruppe, den Faulen. Es wird lediglich ein Sachstand aufgezeigt.
Wann immer ich darüber nachdenke, macht sich der Gedanke breit, dass man in allen vier Lagern eigentlich dankbar sein müsste, dass andere einem die Arbeit abnehmen.
Wer nicht so gut denken kann, wird froh sein, wenn es jemand für ihn tut. Wer keine Zeit hat, sei dankbar, dass andere sie sich für ihn nehmen. Keine Lust haben kann man sich eigentlich nur leisten, wenn anderen das Interesse brennt. Schließlich hat die Jugend Grund zum Dank, dass ihnen der Freiraum für ihre Leidenschaften reserviert wird und das sie für ihre notwendige Zeit geborgen sind.

Als ich erstmals auf diese Stelle in der Summe gestoßen bin, hat mich das katholische Lehramt gleich gelassen gestimmt. Generationen von viel klügeren Leuten als ich haben sich an meiner statt Gedanken gemacht und ich brauche nur zugreifen! Ein ganzes Heer von Heiligen hat unter Einsatz des Lebens das Seine beigesteuert. Ganze Wolken von Zölibatären haben sich Zeit genommen, und die klügsten Köpfe der Geschichte trugen alles zusammen. 
Es kostet nichts, zur Quelle zu laufen und im Gegenteil freuen sich die Hüter der Geheimnisse, diese preiszugeben.

Eine Sache war mir eigentlich immer klar: Mehrere Menschenleben würden nicht reichen, sich eine einzige, klare Philosophie für ein Leben auszudenken. Wenn mich jemand nach der Weltanschauung fragen würde, die mein Leben trägt, ich müsste einen großen Vorhang aufziehen und auf eine ganze Bibliothek von Büchern zeigen, die ich zu guten Teilen selbst gar nicht lesen konnte, denen ich aber mein kindliches Vertrauen schenke. Ich glaube, anders geht das gar nicht.
Es gibt nur wenig Philosophen auf der Welt, aber jeder hat eine Philosophie.

Ein Buddhist vertraut den Lehren seiner buddhistischen Richtung. Er kann entweder selbst alles einigermaßen erzählen oder auf die Schriften jener verweisen, die mehr wissen und ihm vertraut sind.
Jeder Muslim kann auf ein Riesenwerk zeigen, das seine Philosophie sichert und beschreibt.
Christen haben ihre zweitausendjährige Überlieferung, und selbst die kleinste Freikirche steht auf diesen Schultern.

Was ich nicht verstehe, sind Leute, die hier „sehe ich nicht ein“ sagen; die sich selbst abverlangen, das Rad neu zu erfinden und sich alles ganz neu auszudenken. Schon der Anfang würde mich heillos überfordern. Der Trend scheint allerdings groß zu sein. In religiösen Gesprächen hört man oft Sätze, die mit Worten beginnen, die mir völlig unverständlich sind: „Für mich … ist Gott aber ganz anders.“

Katholische Fremdwörter Nr. 30: Sein und Sollen, Gibt es das Böse?

Sonntag, November 27th, 2011
Der Oberlehrer meint: Was mit fremden Wörtern erklärt wird, bleibt unverstänlich.

Der Oberlehrer meint: Was mit fremden Wörtern erklärt wird, bleibt unverstänlich.

Wenn der Papst unser Land besucht, zeigen die Deutschen, was sie am besten können: Enttäuscht sein. Die Protestanten sind enttäuscht, weil der Papst katholisch bleiben will. Die Politiker sind enttäuscht, weil er Theologe ist. Die Demonstranten sind enttäuscht, weil er nicht zu Hause bleibt und die Atheisten sind enttäuscht, weil es ihn überhaupt gibt. Ja, und  die ganze Presse ist enttäuscht, weil alle es sind.
Da ist es schon ziemlich wohltuend, hier und da sachliche Worte zu lesen, besonders, wenn sie von Leuten kommen, die sonst überhaupt nicht dem Papst verpflichtet sind.

Als alle Welt sich grämte, schätzte Henryk M. Broder Papst Benedikts Offenheit in der Tatsache, dass es das Böse in der Welt gibt. Stimmt, davon spricht sonst niemand, vor allem unsere Prediger nicht.
So freue ich mich als Katholik mit dem Juden Broder, dass wir in Zeiten der großen Predigerflaute wenigstens eine Papst haben, der die ganze Lehre im Munde führt und nicht weglässt, was anstößig werden könnte.

Broder hat sein Statement im Interview einer Talkshow gegeben. Hätte man bei solcherart Shows gute Theologen am Tisch und Zeit, gute Dinge zu sagen, es hätte ein herrliches Gespräch werden können. Broder irrt nämlich: Es gibt das Böse gar nicht, und der Papst als brillanter Theologe würde das auch nie sagen; so wenigstens nicht.

Natürlich gibt es das Böse, solange wir volkstümlich sprechen. Es gibt böse Menschen, Ereignisse voller Bosheit. Und den wirklich bösen Satan, den gibt es auch. Insofern gibt es wirkliche Bosheit und daher auch Böses. So etwa wird Broder es gemeint haben. Sobald wir aber die Worte auf die Goldwaage legen, verhalten sich die Dinge anders.

Wenn jemand den heiligen Thomas zu einer Talkrunde eingeladen und bestanden hätte, dass es das Böse gibt, er würde wahrscheinlich mit seiner gewaltigen Faust auf den Tisch gehauen und die Behauptung als eine manichäische Ketzerei angebrangert haben.
Als er einmal zur Tafel Ludwigs IV. eingeladen war, hatte er nämlich die selbe Faust auf den Tisch sausen lassen und „Jetzt ist Schluss mit der manichäischen Häresie!“, gerbrüllt. Ihm war gerade eins seiner berühmten Argumente eingefallen. Die höfische Gesellschaft schaute brüskiert und Thomas entschuldigte sich sogleich demütig. Der König aber ließ ihm etwas zu schreiben bringen, damit sein Einfall nicht verloren gehe.

Die manichäische Irrlehre war dem Heiligen ein Dorn im Auge, und die Behauptung, dass es das Böse gibt, ist so eine. Die Sekte der Manichäer hatte gelehrt, neben dem guten Schöpfer gebe es einen zweiten, der böse ist und der mit dem guten im Streit liegt.
Da Thomas zu jener Sorte Menschen gehörte, die eine gesunde Lehre für enorm wichtig halten, kämpfte er zeitlebens gegen solcherlei Ketzereien.

Gut katholisch und thomistisch verhält es sich mit Gut und Böse, wie wir es im Physikunterricht an der Schule gelernt haben. Es gibt genau genommen wohl Wärme, aber keinen Kälte. Wärme bedeutet, dass sich die Atome und Moleküle bewegen. Je stärker sie das tun, desto wärmer fühlen sie sich an. Was wir als Kälte bezeichnen ist genau genommen wenig Bewegung und deshalb wenig Wärme. Kälte an sich muss und kann es eigentlich nicht geben, damit die Dinge sich kalt anfühlen.

Im gleichen Sinn ist jemand, der böse ist, eher zu wenig gut. Ganz und gar und nur böse gibt es nicht, wie es auch nichts Kaltes gibt, das gar nicht warm ist.
Durch und durch böse kann nicht einmal der Teufel sein. Solange es ihn nämlich gibt, kommt sein Dasein genau so direkt und jederzeit von Gott persönlich, wie dem leuchtendsten Engel im Himmel. Der Teufel wird fluchen wie ein Kesselflicker, aber wenn man so möchte, ist Gott ihm auf diese Weise immer noch ganz nahe, weil er ihn hält. Und vom innersten Dasein her hat selbst er deshalb noch etwas Gutes an sich.
Würde es das Böse als solches geben, dann müsste es ein Wesen sein, das nicht aus Gottes guter Schöpferhand kommen kann. Dass der gute Schöpfer aber den Bösen böse sein lässt, das ist ein Gedanke, auf den wir noch kommen sollten.

Ein Meister spricht…

Montag, Oktober 24th, 2011

Nehmt Euch mal ein bisschen Zeit und schaut Euch den Spaemann an.
Ich finde ihn wieder absolute Klasse. Aber bildet Euch selbst eine Meinung.


Scheidung und Barmherzigkeit: Die unterschiedliche Meinung vom Menschen

Donnerstag, September 15th, 2011
Es ist nicht ganz leich, einen gemeinsamen Standpunkt bei ganz verschiedenen Meinungen zu finden.

Es ist nicht ganz leich, einen gemeinsamen Standpunkt bei ganz verschiedenen Meinungen zu finden.

Wenn ich verrückt nenne, das Leben zu behandeln, als sei mit dem Tod alles vorbei, dann muss ich das natürlich einschränken.

Verrückt nennen wir jemanden nur, der etwas Dummes tut und zugleich weiß, dass es dumm ist. Wer, wie man sagt, nichts dafür kann, der ist nicht verrückt, sondern unwissend. Wenn also einer überzeugt ist, dass mit dem Tod das ganze Leben endet, dann kann er freilich kein dummer Kerl genannt werden, weil er sich nicht auf Gottes Gericht vorbereitet.

Ich weiß allerdings nicht, ob man sich eines Unglaubens genau so sicher sein kann, wie eines Glaubens. Darüber würde ich gern an anderer Stelle nachdenken. Im Moment fällt mir auf, dass der Ungläubige meine Haltung wahrscheinlich für genau so verrückt halten wird, wie ich seine.

Für meinen ungläubigen Freund ist die Erde ungefähr so etwas wie der große Chemiebaukasten seines kleinen Brüderchens. Für mich ist sie eher ein geheimnisvolles Märchenland.
Mein Freund ist mir nicht böse, wenn ich ihn einen Materialisten nenne. Er glaubt nämlich, das gesamte Universum sei von seinen Grundbausteinen her leblos. Was wir Leben nennen, sei so etwas wie ein zufälliges Produkt von irgendwelchen Zusammenfügungen.
Ich dagegen halte das Leben ist nicht für ein zufälliges Produkt des Universums, sondern das Universum für ein ganz und gar nicht zufälliges Produkt des Lebens höchstpersönlich.

Mein Freund und ich benutzen die selbe Sprache und sprechen von der selben Welt. Wir nehmen äußerlich genau das selbe wahr und haben doch so sehr unterschiedliche Auffassungen, dass wir uns, mit Recht, wie ich finde, gegenseitig für ziemlich verrückt erklären können.

Wenn wir über Ehescheidung und Barmherzigkeit sprechen, dann müssen wir das sehen: Hier reden Leute miteinander, die von der Welt, vom Menschen und vom Leben überhaupt so verschieden denken, wie nur eben möglich.

Wir reden gemeinsam darüber, wie man die Menschen behandeln muss. Zugleich haben unsere Meinungen, was der Mensch denn überhaupt sei, kaum mehr gemeinsam als das Wissen, dass er für gewöhnlich zwei Arme und zwei Beine hat.

Thomas und das Mittelalter

Montag, September 12th, 2011
Wem ich diese Artikel widme, verrate ich später einmal.

Wem ich diese Artikel widme, verrate ich später einmal.

Wenn man vom Mittelalter spricht, dann entsteht in den Köpfen der Leute häufig eine Vorstellung, dass jetzt wahrscheinlich alles ganz fremd wird. Ganz anders alles und in einer unheimlichen, befremdlichen Welt.

Wahrscheinlich haben wir das aus Filmen und dem Geschichtsunterricht: Das Mittelalter ist unheimlich und es geht finster zu. In jedem Dorf steht ein Pranger auf dem Markt, an dem landet, wer nicht höllisch aufpasst.
Die Herrscher in den Burgen schlämmen an großen Tafeln und werfen Hühnchenkeulen gegen die Wände. Sie amüsieren sich, haben eine fette, grausame Lache, und die Armen unterhalb ihres herrschaftlichen Sitzes sind mager und müssen Abfälle sammeln.

In wieweit das alles stimmt oder nicht, weiß ich nicht zu sagen. Ich weiß aber: Wenn wir Heutigen sagen, das Mittelalter sei finster gewesen, dann müssen wir so fair sein und sehen, dass seit der Neuzeit in keiner Weise mehr Licht auf die Erde scheint. Ich weiß nicht, ob man allen Ernstes vom gleißenden Strahl der Aufklärung sprechen kann, ohne sich beim zweiten Blick gründlich zu blamieren.
Vom Hexenwahn bis zur mechanischen und systematischen Vernichtung von Menschen finden sich viele ausgesuchte Grausamkeiten, die allesamt auf das Konto unserer Neuzeit gehen.

Wer in den Büchern des heiligen Thomas zu stöbern beginnt, der wird bald feststellen: Hier ist nicht alles ganz fremd und anders, sondern überraschend gleich und gewöhnlich. Es herrschen nämlich die selben Gesetze der schlichten Logik, die wir vom täglichen Reden auf der Straße kennen.

Wenn wir mit Thomas besprechen würden, warum die Leute seiner Zeit spitze, rote Schuhe und Hosen aus Leder trugen, dann hätten wir ein mittelalterliches Thema.
Lesen wir aber, warum der Mensch diese eigentümliche Neigung hat, sich daneben zu benehmen und sich selbst zu schaden, dann wird man etwas zugeben müssen: Das ist ein Problem, das wir Heutigen ebenso beobachten können, wie er damals.

Die Lektüre des heiligen Thomas setzt wohl eine gewisse Grundkenntnis der lateinischen Sprache und der antiken Philosophie voraus; wahrscheinlich auch, dass man das Kleine Einmaleins des Katholischen kennt. Sicher aber nicht, dass jemand sich in den Sitten und Gebräuchen des Mittelalters auskennt.

Der Gehorsam und der doppelte Wille

Mittwoch, August 31st, 2011
Der Mensch ist ein kompliziertes Wesen, und nur Gott allein kann ihn wirklich kennen.

Der Mensch ist ein kompliziertes Wesen, und nur Gott allein kann ihn wirklich kennen.

Vielleicht setzen wir mit unserem Kreis um den Gehorsam mit ein paar grundsätzlichen Überlegungen zum Menschen wieder ein.

Kaum jemand wird bezweifeln, dass zum Menschsein sein freier Wille gehört. Dass der Mensch überhaupt etwas wirklich wollen und zudem darum wissen kann, das unterscheidet ihn. Genau dieser Umstand macht es allerdings auch etwas komplizierter. Es scheint nämlich, als ob der Mensch oft gar nicht nur einen, sondern gleich mehrere Willen hat.

Sagen wir, da ist ein Mensch, der von einer bestimmten Substanz abhängt. Die braucht er zur Beruhigung und dass er schlafen kann. Er will also täglich diese Substanz, damit er zu Ruhe kommen kann. 
Es kann nun aber sein, dass dieser Abhängige viel lieber unabhängig und frei wäre. Das bedeutet, er will wohl die Droge, er will aber „eigentlich“ diesen, seinen Willen nicht mehr haben.
Das gibt es oft, dass wir manche unserer Wünsche am liebsten gar nicht mehr hätten. Es ist, als hätte unser Willensapparat mehrere Ebenen, auf denen schon mal heftig gestritten wird.

Der heilige Thomas hat einen schönen Satz geprägt. Er hat gesagt: „Der gute Wille macht den Menschen schlechthin gut.“ Damit wird er ganz sicher nicht die Ebene gemeint haben, auf der jemand seine Drogen möchte. Vielmehr meint er sicher den Willen als irgendwie etwas Gesamtes; als etwas, was insgesamt gesehen werden kann und so erst den einen Menschen ausmachen kann.

Wir könnten jetzt tiefer in das Thema einsteigen. Für unser Interesse, den Gehorsam, können wir aber schon sagen: Es mag manches geben, in das wir gefangen sein mögen; innere Strukturen des Gehorsams; Dinge, in die wir verstrickt sind und denen wir gehorchen, ohne es eigentlich zu wollen oder je gewollt zu haben. Das kann ein Grund großer Betrübnis sein.

Durch die Worte des heiligen Thomas aber sind wir ermutigt, da nicht stehen zu bleiben, sondern eher das Gesamte zu betrachten: „Was willst du eigentlich wirklich?“, wäre hier, was uns angeht, die entscheidendere Frage, was das angeht, was wir Gutsein nennen.