Archiv für die ‘Glaubenslehre’ Kategorie

Franz und der Gehorsam

Samstag, Januar 28th, 2012
Gott überrascht die Welt in seinen Helden.

Gott scheint eine Vorliebe dafür zu haben, die Welt in seinen Helden gründlich zu überraschen.

Am Gehorsam scheiden sich die Lager, wie an einer Klinge. Entweder man hasst oder man liebt ihn. Für den einen muss er als erstes bekämpft werden, für den anderen ist er der Garant all dessen, was er lieb hat. Das gehört erklärt.

Der heilige Franz von Assisi zählt ohne Zweifel schon zu den großen Helden des Katholischen. Ob man durch Assisi läuft oder in den Büchern und Berichten über ihn stöbert; immer scheint es, als ob der heilige Bettler gerade um die nächste Ecke gebogen kommt und einem ein lebendiges Bild vor die Augen führt; von etwas, was Gott besonders gesegnet hat.

Als das Kreuz von Dan Daminano zu Franziskus sprach, hat der Schöpfer ihn direkt und mitten im Leben angesprochen. Ebenso direkt und schnell antwortete er mit seinem ganzen Leben darauf.
Ohne zu zögern, ohne überhaupt irgendwelche Rücksichten zu bedenken, stürmt er begeistert los und nimmt sich nicht einmal Zeit, in Ruhe Ja zu sagen, geschweige denn, etwas zu bedenken.
An Franziskus wird klar: Das liebt der Liebe Gott! Alles wagen, sich wie ein Kind in seine Arme werfen und nichts zurück behalten wollen! Solche Leute bekommen alles zehnfach und hundertfach wieder!

Es gibt aber eine kleine Geschichte im Leben des heiligen Franz, die zum letzten, großen Wendepunkt, zur letzten Prüfung wurde. Es ist die Begegnung mit dem Aussätzigen.

Von Kind an hatte sich der verwöhnte Jüngling vor dem Geruch und dem abstoßenden Äußeren der Kranken gefürchtet, wie man sich vor Schlangen ekelt. Jetzt, da er endlich ein anderer werden wollte, marschierte die Prüfung leibhaftig auf ihn zu: Ein Aussätziger kam ihm auf seinem Weg entgegen, unausweichlich. Das war die Stunde der Entscheidung: Franz nahm allen Mut zusammen, überwand seinen Ekel und tat, was er immer tat: Das Extreme!
Er fiel dem Kranken um den Hals und küsste ihn, als sei er die Großmutter. Und sogleich war ihm, als ob sich mit einem mal sein ganzes Leben ändern würde, 
Später sagte er, ab da sei ihm, was zuvor süß war, bitter, und alles Bittere sei ihm süß geworden.
Was ihn abgestoßen hatte, das bekam jetzt eine geheimnisvolle Anziehungskraft und eine zuvor nie gesehene, verborgene, aber wirkliche Schönheit. Wenn man so möchte, wurde dem erstaunten Jüngling jetzt der tiefere Blick gewährt. Der blieb nicht mehr am Äußeren hängen, sondern konnte die Dinge jetzt von ihrer tieferen, leuchtenden Wahrheit her schauen.

Wenn er jetzt den Aussätzigen küsste, dann eigentlich nicht mehr die äußeren Wunden und Krusten, sondern vielmehr dessen Seele. Jetzt leuchtete etwas, was nur jene schauen konnten, die den Weg bis hierher mitgegangen waren.

Für den reinen Beobachter, der nur äußerlich anweste, wurde der junge Franz jetzt unverständlich. Für alle, die lieber in ihrer Welt zurückgeblieben, fing Franziskus jetzt das Spinnen an. Er tat plötzlich unbegreifliche Dinge. Er verachtete, was alle lieben. Er verschenkte seine Habe, warf alles Äußere von sich und ging in der freudigen Sicherheit eines von Gott Geküssten in die Wälder. Ohne doppelten Boden.

Hier schieden sich endgültig die Geister, und der junge Franz wurde zum Stein des Anstoßes. Wer zurückblieb, der blieb zurück. Wer aber das Eigentliche erkannte und den Mut hatte, ihm zu folgen, der erlebte auch, was er erlebte. Wer mitkam, der musste jedoch auch damit rechnen, dass er den selben Spott, den Hohn und den Zorn der Oberflächlichen auf sich ziehen würde. Der bleibt keinem erspart, der die schnöden Oberflächlichkeiten der Welt von sich wirft und sie den Feigen überlässt.

Wir sind beim Gehorsam. Dabei zeigt sich, dass der, wie der Ekel vor dem Aussatz, mit zu den Dingen gehörte, die eine neue Einschätzung erfuhren. Auch der Gehorsam hörte auf, ein Schreckgespenst zu sein.

Zur Zeit des heiligen Franz hatte sich die Kirche, wie es heißt, mit Pomp und Glämmer angetan. Kirchenfürsten zogen in prächtigen Kutschen durchs Land, gefolgt und umgeben von Dienern und Vasallen, die gebratene Fasanen herbei trugen. Für viele, wahrscheinlich für so ziemlich alle, ein Stein des Anstoßes und ein willkommener Gegenstand zur gerechten Rebellion.
Nicht aber für den Spinner aus Assisi. Der verlangte von seinen Jüngern wieder das Unglaubliche. Er bestand mit Nachdruck darauf, dass sie die Kirchenfürsten umarmten, wie er zuvor den Aussatz. Er verlangte, dass sie den verwöhnten Bischöfen ihre Ringe küssten; und das nicht als äußerliche Demonstration, sondern aus ehrlicher Liebe und aus Glauben.

Franziskus zog mit seiner Schar nach Rom, um zum Papst vorzustoßen. Er ging aber nicht, um ihn zu belehren oder aufzubegehren. Er ging, um ihm vor die Füße zu fallen und ihm demütigen Gehorsam zu leisten. Er verlangte nicht, dass sein Orden anerkannt würde, sondern er bat auf Knien darum. Aus tieferer Einsicht war er der Diener geworden, der er sein sollte.

Es heißt, der Papst hatte des Nachts einen Traum, der ihm den armen Bettler als Retter der Kirche offenbarte. Daraufhin bekam Franz, was er wollte. Er bekam es nicht, weil er dem Papst die Türe eingerannt, sondern weil Gott selbst eingegriffen hatte. Franz rebellierte nicht, sondern überließ alles dem, der die Rebellion nicht wünscht, weil er sie nicht braucht.

Die Rebellion des Ungehorsams hat viele Anhänger. Die Fürsprache des heiligen Franz sicher aber nicht. Franz wusste, wie kein anderer um die Misstände der Kirche, die zu seiner Zeit größer waren als heute. Dennoch, den verwöhnten Papst umarmen hieß Gott um den Hals fallen. Unverständlich für die Äußerlichen, für ihn aber geschaute, tiefere Wahrheit.

Der heilige Thomas sagt einmal, alle lieben das Süße. Der eine mag süßen Wein, der andere süße Trauben oder Speisen. Was aber die vorzüglichste Süße sei, das möge man nicht die vielen fragen, sondern den mit dem feinsten Geschmack. In unserem Fall sollten die befragt werden, die die guten Augen haben; die mit dem gesegneten Blick. Die, die einfach mehr und besser sehen. Nicht irgendwelche äußerlichen Mehrheiten. Mögen diese sich aus demokratisch nennen.

Dick, dünn, hübsch und hässlich

Dienstag, Januar 24th, 2012
Der heilige Bernhard von Clairvaux. Törichte Menschen sagen schon mal, die Mystiker seien etwas dumm, weil sie fü die unwichtigen Dinge keine Augen haben.

Der heilige Bernhard von Clairvaux. Törichte Menschen sagen schon mal, die Mystiker seien etwas dumm, weil sie fü die unwichtigen Dinge keine Augen haben.

Es geht also um Dick-, Dünn-, Hübsch- und Hässlichsein. In unserer Welt gelten Maßstäbe, mit denen wir tagaus tagein gemessen werden. In Wirklichkeit aber gelten sie gar nicht.

In der geistlichen Schule erzählte man sich vom heiligen Bernhard eine eigentümliche Geschichte. Man sagte, habe die Decke seiner eigenen Kirche nicht gekannt, obwohl er sich lange Jahre in ihr aufgehalten hatte.
Bernhard war ein Mönch und der Vorsteher seines Klosters. Das bedeutet, er hat Tag für Tag stundenlang in der selben Kirche und am selben Platz gestanden, gebetet und gesungen. Jetzt heißt es, er habe nach all den Jahren nicht einmal gewusst, wie die Decke seiner Kirche aussah; er hat sie schlicht und einfach nicht gesehen.

Man kann die Geschichte verstehen, sobald klar ist, dass sehen ist nicht gleich sehen ist. Es gibt ein Sehen, bei dem man sich aufhält und es gibt ein Sehen, bei dem man sich nicht aufhält; ein Sehen ohne zu sehen.

Wenn Schnee fällt, sieht man am Fenster abertausende Flocken auf die Erde fallen. Man sieht sie alle. Es fällt aber nur eine auf, weil sie ungewöhnlich aussieht. Die begleiten wir dann mit interessierten Blick.
Wenn wir durch den Regen fahren, sehen wir viele Tropfen auf uns zukommen. Aber nur der eine ganz besondere, der genau auf den Spiegel zufliegt, der erregt unsere Aufmerksamkeit. Wir sehen alle Tropfen, wirklich aber nur den einen.

Man kann also etwas sehen, ohne es wirklich zu sehen. Zum wirklichen Sehen gehört nämlich etwas, was wir Bedenken nennen. Sobald die eine Schneeflocke auffällt, stellt sich sogleich unser Bedenken ein. Wir sehen kurz, dass etwas nicht normal ist. Dann bedenken wir, was es ist und warum es auffällt. Dann sind wir entzückt über die hübsche Ausnahme. Wirkliches sehen bedeutet, dass wir das Entdeckte wenigstens ganz kurz mit unserer Vernunft erwägen. Daraus ziehen wir dann sogleich Schlüsse. Dann erst finden wir das Gesehene dick oder dünn, hässlich oder entzückend. Aus diesem Erwägen heraus lachen oder weinen wir.

Bernhard hat seine Kirchendecke die ganzen Jahre über gesehen. Sein Blick ist aber nie an ihr hängen geblieben. Er hat sie nie bedacht und deshalb nie im Gedächtnis gespeichert. Das bedeutet, er hat sie nie wahrgenommen, obwohl er sie immer gesehen hat. Das ist das eine.

Wir sollten kurz eine weitere Unterscheidung einführen. Es gibt Dinge, die sind wichtig, und Dinge, die unwichtig sind. Wir sagen, es ist dumm, sich an unwichtige Dinge zu klammern, während die wichtigen an uns vorbei schwimmen. Es ist dumm, den Sack fest zu halten, während die Millionen in aller Ruhe aus ihm heraus geweht werden.

Bei den Menschen ist es nun so, dass sie vergehen. Würden wir ein Menschenleben in Zeitraffer sehen, läge da erst ein Baby. In Sekundenschnelle erhebt es sich. Es wächst, wird jugendlich und hat einen kräftigen, gesunden Leib. Sehr bald schon wird es älter und sein Körper wird schwach, faltig und gebeugt. Alles geht sehr schnell und im Nu ist der Mensch wieder verschwunden.

Wir dagegen erleben, wenn man so möchte, unser Leben in Zeitlupe. Wir haben immer Zeit, uns in Ruhe mit dem auseinander zu setzen, was gerade ist. Das liegt daran, dass wir die Zeit als etwas empfinden, was ganz langsam geht.
Wenn ein Mädchen weint, weil es zu dünn ist, hat sein Opa schon Recht, wenn er sagt, das gehe schnell vorbei. Im Moment aber ist es die größte Katastrophe. Der Opa hat Recht, weil er weiß, wie zügig alles in Wirklichkeit vergeht. Es gibt also Nebensächlichkeiten, die nicht zählen bräuchten und Dinge, die bedeutend sind. Die wichtigen Dinge nennen die Christen bleibend und von den unwichtigen sagen sie, dass sie vergehen oder vergänglich sind.

Nun glauben wir, dass jeder Mensch einen Kern hat, der nie vergeht. Er hat einen Kern, der ihm in Ewigkeit bleibt und als der er eine ganze Ewigkeit leben wird. Diesen Kern nennen wir Herz oder Seele. Der Mensch, der gestern noch ein Baby war, der heute erwachsen ist und morgen als Greis die Welt wieder verlässt, hatte die ganze Zeit etwas, was immer geblieben ist. Er war immer genau dieser eine Mensch.
Weise Menschen richten ihren Blick auf diesen Kern, während sie sich an den Äußerlichkeiten, die sich dauernd ändern und vergehen nicht hängen bleiben; es wäre töricht. Deshalb sagen wir: Christus, der selbst die Weisheit ist, sieht eigentlich nur die Seele. Die Menschen, die sich zu dick, zu dünn oder zu hässlich finden, können sich bei Christus trösten. Er sieht das alles gar nicht, genau so wenig, wie der heilige Bernhard die Decke seiner Kirche. Den Kern aber, das Herz, die Seele, die Liebe und was den Menschen ausmacht, das sieht er sehr wohl, und er sieht es mit dem Entzücken der großen, göttlichen Liebe; und die vergeht niemals.

Die Heiligkeit und ihr Aussehen

Sonntag, Januar 22nd, 2012
Die selige Mutter Teresa von Kalkutta

Die selige Mutter Teresa von Kalkutta

Wenn Nietzsche also sagt, die Christen müssten ihm erlöster aussehen, dass er an ihre Botschaft glauben könne, dann wird noch viel dazu zu sagen sein.
Mancher wird allerdings auch froh sein, dass die Christen nicht “erlöster” daher kommen. Es gibt Leute, die sind am schwersten zu ertragen, wenn sie gute Laune haben. Sie überfallen einen mit ihrer sprühenden Energie, wie wenn man früh morgens mit gleißendem Licht aus dem lieben Schlaf gerissen wird.
Wenn man selbst bedrückt ist, dann kann einem die leichtfüßige Heiterkeit der Verliebten schon mal auf die Nieren schlagen. Besonders schwer zu ertragen sind die vielen, gut gemeinten Ratschläge derer, die nie wirkliche Probleme hatten. Jeder Bedrückte weiß, wie man unter dem Unverständnis der immer gesunden Gewinner im Leben leiden kann.

Da war ein Leidender, dem das Schicksal übel mitgespielt hatte. Er war im Krankenhaus gelandet und hätte sich so gern nur mal etwas erholt. Ich konnte ihn gut verstehen, als er einen der Christen aus dem Zimmer bat und ihm sagte, er solle ihn doch bitte mit seiner Liebe in Frieden lassen.

Der Heilige Franz von Assisi hat seinen Jüngern streng untersagt, ihre schlechten Launen auszuleben. Er verbot ihnen mit Nachdruck, ihre Mitmenschen unter ihren Launen leiden zu lassen. Ich würde sagen, das hat nicht nur für die schlechten Launen zu gelten, sondern auch für die guten. Gute Launen sind manchmal ebenso schwer zu ertragen, wie schlechte. Oft sind sie genau so plump und trampeln einem mit schweren Stiefeln in der Seele herum.

Ich stimme Nietzsche zu, wenn er sagt, die Christen müssten erlöster aussehen. Ich lehne aber ab, wenn er im gleichen Atemzug fordert, sie müssten ihm bessere Lieder singen, damit er ihnen glauben könne. Es ist ein Irrtum anzunehmen, die erlöste Heiligkeit müssten mit fröhlichen Liedern daher kommen. Die Erlösten hätten dauernd zu tanzen, und die frohe Botschaft der Christen müsse gefälligst tönen, wie rauschende Siegesfeiern.

Wenn es ein besonderes Bild für einen erlösten Menschen im Katholischen gibt, dann ist es das von Maria, der Mutter Jesu. Sie ist ein Prototyp, eine Art Urbild des vollkommenen, erlösten Menschen. Wenn man sehen will, wie Erlöstsein ausschaut, dann ist sie das große Bild, das man betrachten sollte. Gerade sie aber sieht man nicht auf rauschenden Bällen grölen und auf Siegesfeiern taumeln. Gerade sie sieht man mit den Leidenden weinen und in sanfter, sensibler Freude die spielenden Kinder beobachten. Gerade Maria ist die eher stille Person, die alles in ihrem Herzen erwägt und die ihr Inneres nicht dauernd auf der Zunge führt, um es über die Welt auszugießen.

Ein anderes Beispiel eines modernen, erlösten Vorbildes mag Mutter Theresa von Kalkutta sein. Obwohl sie eine wahre Siegerin des Menschlichen ist, hört man sie nicht jene Lieder singen, die Nietzsche verlangte, damit man ihn überzeugen könne. Die erlöste Heiligkeit leuchtet; aber nicht immer so, wie es von den anderen verlangt wird. Sie sind es, die bereit sein müssen, ihre Vorstellungen zurück zu nehmen.

Die Heiligen

Samstag, Januar 21st, 2012

Der Philosoph Friedrich Nietzsche soll über die Christen gesagt haben, sie müssten ihm eigentlich erlöster aussehen. Wahrscheinlich hat er Recht; Grund dazu hätten sie.
Schließlich sind die Christen erlöst, oder besser gesagt, sie sind diejenigen Menschen auf der Welt, die wissen, dass sie erlöst sind. Von daher dürften sie eigentlich oftmals etwas fröhlicher gestimmt sein, als sie daher kommen. Sie sind es aber nicht.
Zur Ehrenrettung kann man sagen: Die Millionäre auf der Welt haben auch nicht gleich bessere Laune, obwohl sie eigentlich deutlich weniger Sorgen haben dürften. Wenn Onkel Theo sich plötzlich sein Leben lang kaufen könnte, was immer er möchte, ich glaube, er hätte die ersten Wochen ein breites Lächeln auf den Lippen. Wahrscheinlich würde er sich nach einiger Zeit allerdings wieder in die Schar der schlecht gelaunten Nachbarn einreihen und genau so brummelnd Samstag für Samstag den Rasen mähen wie zuvor.

Offenbar nützt weder Geld noch das Erlöstsein der allgemeine Laune. Was das Geld angeht, ist das schnell erklärt. Die Reichen der Welt stellen in aller Regel schnell fest, dass alles Geld der Welt einem die großen Sorgen nicht abnimmt. Die wirklich wichtigen Dinge des Lebens lassen sich zudem nicht kaufen, und Freundschaften können mit Geld auch nicht besorgt werden.

Die Frage, warum die Christen nicht besser gelaunt sind, ist nur auf einen ersten, schnellen Blick schwieriger. Die Antwort sickert bald durch: Die Christen sind wohl erlöst und wissen, dass sie erlöst sind. Sie wissen aber in aller Regel nicht, was Erlösung bedeutet. Der Christ unserer Tage ähnelt einem Menschen, der Geld in der Tasche hat und nicht weiß, dass er damit bezahlen kann.

Das ist übrigens der stärkste Grund für meine Vorliebe für die Heiligenverehrung. In der Bibel steht, dass wir heilig werden sollen. In den Büchern der Heiligen stehen unzählige Beispiele dafür, dass wir es wirklich werden können. Wir sollten viel über die Heiligen sprechen und die Bücher über sie nicht zu selten neu auflegen. Das gilt besonders für die Kinder, die Vorbilder brauchen.

Katholische Fremdwörter NR. 45: Die Engel ohne Botschaft

Sonntag, Januar 15th, 2012
Der Oberlehrer meint: Was mit fremden Wörtern erklärt wird, bleibt unverstänlich.

Der Oberlehrer meint: Was mit fremden Wörtern erklärt wird, bleibt unverstänlich.

Es gibt einen zweiten Grund, warum es nicht lohnt, sich in Esoterikläden nach Engeln zu erkundigen: Man wird keine guten finden.
Der Name Engel kommt bekanntermaßen aus der griechischen Sprache, wo “aggelos” schlicht Abgesandter oder Bote heißt. Soweit ich in den esoterischen Angeboten von Engeln lesen konnte, waren sie alles mögliche, außer Boten.

Bote ist eine Berufsbezeichnung wie Briefträger oder Funker. Ein Bote, der keine Botschaft bringt ist kein guter Bote und ein Funker, der keine Funksprüche weitergibt ist kein guter Funker. So ist auch ein Wesen, das nicht von Gott erzählt, kein guter Engel.
Die Engel in der esoterischen Literatur meiner Kenntnis machen alles mögliche, außer das, was sie ihrem Namen nach eigentlich tun sollten: Von ihrem Herrn berichten oder wenigstens deutlich genug in seinem Namen unterwegs sein.

In der Bibel sind Engel eigentlich keine Sensation. Sie gehören in der gleichen Selbstverständlichkeit zum Geschehen wie der Tempel zu Jerusalem. Engel tauchen so selbstverständlich auf, wie Nathanael hinterm Feigenbaum hervorkommt.
Dass der Engel Gabriel plötzlich bei der heiligen Jungfrau erscheint, hat etwas von der gleichen Selbstverständlichkeit, wie wenn ihre Mutter Anna herein käme. Es steht einfach zu Lesen, dass ein Bote Gottes ins Geschehen tritt. Für Maria wird die Überraschung groß gewesen sein. Das Überraschende war aber nicht, dass es den Engel gab, sondern eher, dass er gerade zu ihr kam.

Dem heiligen Josef erklärt der Engel mit selbstverständlicher Gelassenheit die Jungfräulichkeit Mariens, wie wenn der weise Gamaliel sie ihm dargelegt hätte. Den Engek brauchte es nur wegen der Nachdrücklichkeit. Auch am leeren Grab steht der Engel wie selbstverständlich da. Die Verwunderung war natürlich groß. Die drehte sich aber nie um die Engel, sondern um das Geschehen, das sie erklären.
Nicht die Engel sind das Sensationelle, sondern das Geschehen. Neben der Menschwerdung verblasst die schlichte Tatsache, dass es ein Engel war, der sie erklärte. Im Licht der Auferstehung verschwindet der Engel, der sie deutet.
Für den aufgeklärten Katholiken verblassen die Engel, weil die Gläubigen bei ihrem Erscheinen immer mit einer viel größeren Überraschung zu rechnen haben, die Gott heißt und die er parat hat. Im Licht des Schöpfers ist sogar das übernatürliche Leuchten der Engel wie eine Kerze im Nebel.

Wann immer es bei den Engeln mit rechten Dingen zugeht, ist Gott die Sensation, nicht seine Boten. Das scheint mir in der Esoterik völlig zu fehlen. Hier weist über den Engel nichts hinaus, er selbst ist die Sensation. Das macht ihn zum schlechten Engel. Ein Esoteriker wird völlig überwältigt und befriedigt sein, wenn ihm ein Engel auf der Straße erscheint und wieder verschwindet. Ein Katholik wird ihm hinterherrufen und fragen, ob er nicht das Wichtigste vergessen hat.

Viel mehr noch. Ein Esoteriker wird, wenn er einen Engel sieht, kaum zweifeln und sich freuen, auch wenn er einfach so wieder verschwindet. Ein Katholik wird einem Engel, der ohne Botschaft oder einen Hinweis auf Gott da steht, nicht über den Weg trauen. Er wird sich entweder die Augen reiben und sich fragen, was er getrunken hat, oder er wird ihn achtkantig aus dem Haus werfen. Ein Engel ohne Gottesbotschaft ist eben ein schlechter Engel. Für schlechten Engel haben wir andere Bezeichnungen und die klare Weisung: Nicht mit ihnen sprechen und sofort hinauswerfen, und zwar achtkantig!

Katholische Fremdwörter Nr. 43: Vom Glauben an den Teufel

Freitag, Januar 13th, 2012
Ich halte es nicht für unproblematisch, den Teufel zu einem hübschen Tierchen zu verniedlichen.

Ich halte es nicht für unproblematisch, den Teufel zu einem hübschen Tierchen zu verniedlichen.

Mit der Frage „Glauben Sie an den Teufel?“, stürmten gestern ein paar Schüler meinen Arbeitsplatz. Sie kamen aus der zehnten Klasse gerannt und waren in einem ihrer Unterrichtsfächer eher nebenbei auf das Fegefeuer zu sprechen gekommen. Jetzt kamen sie mit ihrer Frage.
Es war, wie immer nur wenig Zeit, und ich konnte nur eine kurze Antwort geben. Die lautete „Ja und nein“, mit einer all zu knappen Erklärung. Dass sie wieder kommen würden, wusste ich. Das tun sie nämlich immer, wenn man eine Antwort gibt, die wohl eine ist, die zugleich aber unbefriedigend ist und noch mehr Fragen offen lässt, als gestellt wurden.

Ja, ich glaube an den Teufel, wie ich glaube, dass es Heuschrecken, Lastkraftwagen, Mathebücher und den Mobiltelefone gibt; die reine Existenz also. 

Ich glaube nicht an den Teufel, sobald Glauben etwas mehr meint. Wenn ich einem meiner Schüler, der vor einer schweren Aufgabe sage, ich glaube an ihn, dann bestätige ich ihm nicht, dass sein Vater ihn gezeugt und seine Mutter ihn geboren hat. Mit meinem Satz schenke ich ihm etwas. Ich gebe ihm mein Vertrauen, ich setze auf ihn und versuche ihn mit meinem Zuspruch zu motivieren. Diese Art Glauben investiert etwas in eine Person, und dieses Glauben verweigere ich dem Teufel, ebenso, wie ich einem Extremisten nicht bereit wäre, eine Waffe in die Hand zu drücken. Mit dem Teufel spricht man nicht und über ihn nur wenig!

Die Frage meiner Schüler zielte eigentlich nur auf die reine Existenz: Ob ich glauben würde, dass es den Teufel gibt und fertig. Von daher hätte es gereicht, wenn ich die zweite, tiefere Weise des Glaubens gar nicht erwähnt hätte. Mir hätte jedoch nicht gereicht, nur sie zu geben.
Wenn ein Kind seine Mutter fragt, ob es die bösen Menschen gibt, die die Kleinen entführen, dann wird sie nicht nur ja sagen. Sie wird sich zugleich beeilen zu sagen, dass ihr Kind auf keinen Fall mitgehen dürfen, wenn ein Onkel mit Schokolade winkt.

Es gibt nunmal Dinge, deren reine Existenz gleich zur Aufgabe werden. Wenn jemand gegen sein bisheriges Vermuten herausfindet, dass ein vermisstes Familienmitglied doch noch lebt, dann reicht es nicht, wenn er das nur weiß. Er verspürt sogleich so etwas wie eine heilige Pflicht, herauszufinden, wo es sich aufhält, um Kontakt aufzunehmen.

Mit Gott ist es ähnlich. Ein Atheist, der die Anwesenheit Gottes in seinem Leben entdeckt, wird die Auskunft der Existenz nicht reichen. Er wird sogleich überlegen, wie er mit seinem Leben darauf antwortet. In diesem Sinn sagt der heilige Thomas, religiös sein bedeute immer auch, dem Schöpfer die ihm zukommende Ehre zu erweisen. In Sachen Teufel stellt sich das sozusagen negativ dar. Das Ahnen oder Wissen um seine Existenz fordert eigentlich sofort den Entschluss, ihm jede Zusammenarbeit zu verweigern.

Es reicht also nicht, nur zu sagen, ob es den Teufel gibt. Man sollte gleich dazu sagen, was er für einer ist, was er vor hat  und wie es mit seinen Möglichkeiten bestellt ist. Deshalb darf die Antwort hier nicht zu kurz sein; man sollte eine Fortsetzung provozieren. Ich bin gespannt, wann meine jungen Freunde wieder kommen.

Katholische Fremdwörter Nr. 41: Der Modernismus und die Freundschaft der Familie

Montag, Januar 9th, 2012
Der Oberlehrer meint: Was mit fremden Wörtern erklärt wird, bleibt unverstänlich.

Der Oberlehrer meint: Was mit fremden Wörtern erklärt wird, bleibt unverstänlich.

Ich bin gebeten worden, über die Liebe zu schreiben. Als ich mich aus der Affäre ziehen wollte und sagte, ich sei doch gerade dabei, über den Modernismus zu schreiben, hieß es: „Dann verbinde beides miteinander!“ Das mag also eine Gelegenheit sein, etwas Grundsätzliches anzusprechen.

Dem Wort Modernismus geht es ähnlich wie dem Wort Fundamentalismus. Überall, wo die Begriffe gebraucht, sind sich alle einig, dass sie über nichts Gutes sprechen. Wer vom Fundamentalismus redet, will um Himmels Willen keine Fundamentalist sein. Überall, wo vom Modernismus gesprochen wird, möchte auf keinen Fall jemand im Ruf stehen, dass er ein Modernist ist.
Mit dem Wort Papismus ist es ähnlich. Papisten sind Anhänger des Papstes. Die werden aber nur dort Papisten genannt, wo man den Papst nicht mag.

Etwas anders wird es, wenn die Betroffenen sich den Begriff zu eigen machen, „jetzt erst recht!“ dazu sagen und eine Diskussion herausfordern wollen. In diesem Sinne nenne ich mich mit Vergnügen einen Papisten, um zu provozieren und eine Diskussion anzuregen. Diese Provokation soll allerdings, und hier kommt die Liebe ins Spiel, auf dem Boden gegenseitiger Sympathie stattfinden.

Viele Eltern haben eine liebe Not mit ihren heranwachsenden Kindern, weil die sich daneben benehmen oder Wege gehen, die den Alten das Entsetzen ins Gesicht schreiben. Dabei gibt es oft Diskussionen und nicht selten Streit. Beides gehört zum Heranwachsen: Die Sprünge der Jungen und die Sorgen der Alten. Zur hohen Kunst der Erziehung gehört nun, dass die Familie bei allen Streitereien den Boden der Freundschaft nicht verlässt.

Wenn Freunde sich streiten, hören sie dadurch nicht auf, Freunde zu sein. Im Gegenteil: Der ausgefochtene Streit und der anschließende Gewinn wird die Freundschaft festigen und für Klarheit sorgen.
So mag es auch in den guten Familien zugehen. Trotz allen Auseinandersetzungen weiß jeder um den gemeinsame Fundament, das alle verbindet und auf dem sich jeder immer noch sicher und geborgen fühlen kann.

Wenn es hier um den Modernismus innerhalb des Katholischen geht, dann sollten wir uns daran erinnern, dass sich die Kirche als eine geistige Familie versteht. Wir mögen uns streiten wie die Kesselflicker. Am Ende des Tages sollten wir aber wissen, dass wir uns mit Brüdern und Schwestern auseinandergesetzt haben, und dass uns etwas verbindet, was größer ist als wir und unser Streit.

Katholische Fremdwörter Nr. 41: Modernismus, eine Erklärung

Samstag, Januar 7th, 2012
Der Oberlehrer meint: Was mit fremden Wörtern erklärt wird, bleibt unverstänlich.

Der Oberlehrer meint: Was mit fremden Wörtern erklärt wird, bleibt unverstänlich.

Ich habe das Wort Modernismus eingeführt und sollte vielleicht wenigstens kurz erklären, was ich damit meine.
Wenn mich mein legendärer Marsmensch des Nachts wieder besuchen käme und vom Menschen etwas erfahren wollte, dann würde ich ihm viel erzählen können. Er würde erfahren, dass ein Mensch ganz klein zur Welt kommt. Dass er da noch keine Zähne hat, dass er noch nicht laufen kann, nicht sprechen und dass er in keiner Weise selbst für sich sorgen kann. 
Später wächst er heran, er wird groß und selbständig, er verändert sein Aussehen und sorgt für sein Dasein. Später wird er alt, grau und wieder gebrechlicher.

Wenn mein nächtlicher Gast mich zu früh verlässt und ich versäume, etwas Entscheidendes zu sagen, wird er vielleicht eine ganz falsche Meinung vom Menschen haben. Er wird glauben, dass sich der Mensch im Laufe seines Lebens total verändert. Damit könnte er auf den Gedanken kommen, dass sich alles an ihm ändert und nichts bleibt.
Unsere Biologen stellen fest, dass sich die Zellen im Laufe ihres Lebens zum allergrößten Teil komplett erneuern. Das meiste ändert sich also und könnte meinen Freund veranlassen zu glauben, dass sich alles ändert.
Der Schluss liegt nahe, ist aber falsch.

Zeigt man einem Fremden ein Babyfoto, ein Foto aus der Jugend und eins aus dem Alter, wird er meinen, man zeige ihm drei verschiedene Menschen. Genau das stimmt aber nicht. Ganz entscheidend ist ja, dass die drei völlig verschiedenen Typen ein und dieselbe Person geblieben sind.
Ich müsste meinem nächtlichen Freund etwas über das erzählen, dass es eine bleibende, personale Existenz gibt: So ziemlich alles ändert sich. Das Entscheidende beim Menschsein ist aber gerade, dass die Person etwas ist, was durch alle Veränderungen hindurch gleich bleibt. Der Mensch bleibt derselbe Mensch, ganz gleich, was mit ihm passiert und was man mit ihm anstellt.

Wenn mein grüner Freund eines Nachts wieder kommen würde und wissen wolle, worin denn das Bleibende bestehe, dann müsste ich ihn bitten, bis zum Morgengrauen zu bleiben. Es wäre nämlich nicht ganz einfach, ihm darzulegen, was eine menschliche Person ausmacht und was vor allem dafür sorgt, dass sie bei allen großen Veränderungen unveränderlich bleibt.

Vielleicht würde ich ihm sagen, dass man einem Menschen – theoretisch – die Arme, die Beine und den Rumpf nehmen könnte. Er würde immer noch dieser Mensch bleiben, zu dem man Du sagen kann. Wenn man weiter gehen würde; man würde an einen Punkt kommen, wo man dem Kern des Menschen nichts mehr wegnehmen kann, ohne ihn mit einem Mal zu vernichten.
Vielleicht würde ich ihm ein Nashorns als Beispiel nennen. Ein solcher Dickhäuter, dem man mit einem Schuss sein Leben nimmt, ist im strengen Sinn kein Nashorn mehr. Da liegt zwar noch der Kadaver. Das Nashorn aber ist weg. Wir sagen zwar, da liegt ein totes Nashorn. Genau genommen ist es aber eher ein ehemaliges als eins, das wirklich noch ein Nashorn ist. Etwas philosophisch und aristotelisch kann man sagen: Das Leben macht das Sein des Tieres aus. Nimmt man ihm sein Leben, dann ist er kein wirkliches Tier mehr.

Mein nächtlicher Besuch würde jetzt wissen wollen, wie das mit dem Leben des Menschen ist. Spätestens da müsste ich meinen christlichen Glauben einführen. Der nämlich bestimmt ab hier alles, was ich sage.
Wenn nun mein Freund regelmäßig kommen würde und wir Zeit hätten, über die Kirche zu sprechen, dann müssten wir auf ganz ähnliche Themen kommen. Ich würde ihm erklären, dass auch sie sich, wie ein Mensch, laufend verändert. Ich würde ihm erklären, dass auch die Kirche einen Kern hat, den man nicht verändern kann. Wenn wir diesen Kern umschreiben wollen, dann erzählen wir uns Sätze, die ganz verschieden lauten, und die wir unter dem Begriff bleibende Wahrheiten einordnen.

Auf die Länge würde ich meinem neuen Freund der Vollständigkeit halber allerdings auch sagen müssen, dass es Menschen in der Kirche gibt, die das alles gar nicht glauben. Ich würde ihm sagen müssen, dass es Leute gibt, die nicht an etwas Bleibendes glauben, weder in Sachen Mensch, noch in Sachen Kirche. Ich würde ihm sagen, dass es Leute gibt, die meinen, dass sich grundsätzlich alles ganz verändert und dass auch in der Kirche kein Kern stehen bleibt, der allem Verändern entzogen bleibt. Ich würde ihm sagen müssen, dass es in der Kirche Leute gibt, die nicht glauben, dass es einen innersten Kern gibt, den es zu schützen gilt. Diese Leute würde ich Modernisten nennen.

Katholische Fremdwörter: Inquisition und Ketzerei

Donnerstag, Januar 5th, 2012

Während unserer letzten Tage in Rom verkroch ich mich für ein paar Stündchen an einem Platz, der mir sehr lieb geworden ist: Hinter dem Hochaltar der Kirche San Carlo al Corso. Man sitzt dort sehr ruhig, weil sich nur wenige Leute dort hin verlieren und meist schnell wieder gehen. Kaum jemand weiß nämlich, dass hinter dem kleinen, goldenen Gitter die Herzreliquie des heiligen Karl Borromäus steht. Und wer das weiß, hat meistens keine Ahnung, wer der heilige Karl war. Da ich von beidem schon gehört habe, sitze ich sehr gern dort und der heilige Karl ist mir ohnehin so etwas wie ein lieber Freund geworden. Aber warum ich gerade an diesem Ort auf die Idee gekommen bin, über Inquisition und Ketzerei zu schreiben, dass kann ich auch nicht genau sagen. Hier also meine erste Notiz, beim heiligen Karl ins Phone getippt.


Der Oberlehrer meint: Was mit fremden Wörtern erklärt wird, bleibt unverstänlich.

Der Oberlehrer meint: Was mit fremden Wörtern erklärt wird, bleibt unverstänlich.

Wenn zwei Leute aus verschiedenen Ländern sich unterhalten wollen, dann dürfen sie nicht ganz verschieden denken. Sie brauchen Gemeinsamkeiten, selbst wenn sie über die einfachsten Dinge sprechen möchten.
Angenommen, ein Chinese möchte einem Bauer meiner sauerländischen Heimat erklären, dass die Kühe in seinem Land das doppelte an Milch geben. Es müssen dann nicht beide wissen, was auf Chinesisch Kuh heißt. Sie müssen aber beide eine Vorstellung davon haben, dass das Doppelte soviel wie zwei Hälften sind.
Wenn einer nicht weiß, dass zwei Hälften ein ganzes sind, dann können sie gar nicht miteinander reden.

Man wird mir jetzt sagen, ich verschwende Zeit mit Selbstverständlichkeiten. Das stimmt, allerdings nur zum Teil. Was stimmt ist: Ich rede von ganz selbstverständlichen Dingen. Sie sind so selbstverständlich, dass alle sie kennen und niemand mehr ein Wort über sie verliert.
Die beiden, die sich treffen, müssen nicht mal voneinander wissen, woher sie jeweils sind. Es reicht, dass sie sich für Menschen halten und schon wissen beide, dass sie gleich denken. Das ist selbstverständlich und stimmt also.

Dass ich aber meine Zeit verschwende, das glaube ich nicht. Ich halte es im Gegenteil für sehr wichtig, gerade über die Selbstverständlichkeiten zu sprechen, weil genau die in Zweifel gezogen werden.

Vor einiger Zeit habe ich mit einem Zeitgenossen gesprochen, der mir am Ende unseres Gespräches allen Ernstes erzählen wollte, jeder hätte am Ende seine ganz eigene Wahrheit. Das war dann wirklich das Ende des Gespräches und mir blieb nichts mehr übrig, als zwei Bier zu bestellen, auch auf die Gefahr hin, dass er sie für Joghurt hielt.

Als ich angefangen habe, den heiligen Thomas zu lesen, wusste ich nicht, was ein Modernist ist. Das lag an der schlichten Tatsache, dass ich selber einer war. Deshalb konnte ich auch nicht verstehen, warum der gütigste Schreiber, den ich je gelesen hatte und nun ein wenig kannte, warum selbst der in Zorn geraten konnte, wenn es darum ging die Ketzereien seine Zeit zu bekämpfen. Später erfuhr ich mehr und stellte nicht ohne Schrecken fest, worum es eigentlich ging: Es ging um nichts weniger als die Grundlage des menschlichen Zusammenlebens.

Ich stellte fest, dass mich plötzlich genau der selbe Zorn anging. Man kann alles mögliche angreifen und es soll mir gleich sein. Man kann von mir aus sagen, dass der Papst eine Rübennase hat und von der Kirche sagen, sie sei ein Seelenverkäufer. Aber gewisse Grundwahrheiten auflösen bedeutet jede menschliche Gemeinschaft unmöglich machen.
Wenn wir nicht zusammen zur heiligen Kommunion gehen können, weil wir verschiedene Glauben haben, dann will ich das ritterlich tragen. Wenn wir nicht zusammen glauben können, weil wir zu verschiedenen Schlüssen gelangt sind, dann will ich das in Freundschaft hinnehmen. Aber wenn wir nicht mehr zusammen finden können, weil wir uns nichts mehr zu sagen haben, damit kann ich mich nicht damit abfinden.

Gedanken übers Sauersein, über Weihnachten, die moderne Theologie und die Hölle

Dienstag, Januar 3rd, 2012
Das Konkrete kann die Schärfe eines Schwertes haben.

Das Konkrete kann die Schärfe eines Schwertes haben.

Gestern hat mich meine Gesprächspartnerin verdutzt angesehen, als ich sagte, die Leute seien in der Regel gar nicht sauer, weil sie Grund zum Sauersein haben. Die Leute sind sauer, weil sie sauer sein wollen.
Erst kommt der Wunsch, dann die Möglichkeit, dann wird behauptet, es müsse so sein.

Mich erinnert das an eine Filmszene, die mich irgendwann in meiner Kindheit entsetzt hat. Da war ein mächtiger König, der gerade dabei war, einen Krieg zu verlieren. Er erschlug den Boten, der ihm die schlechte Nachricht brachte und verlangte, es solle jetzt gefälligst einer kommen, der ihm den Sieg verkündet!  
Ich weiß jetzt gar nicht, was mich mehr entsetzt hat: Der Tod des unschuldigen Boten, der doch nur getan hat, was er tun musste, und der vor allem die Wahrheit gesagt hatte. 
Oder war es die Grausamkeit des Königs, der ihn einfach erschlug? 
Oder war es gar die Tatsache, dass der König die Wahrheit nicht wahr haben wollte und es vorzog, sich als Belogener wohl zu fühlen?
Im Gedächtnis geblieben ist mir die Geschichte sicher aber wegen des letzten Punktes: Der Wunsch hatte den Vorrang vor der Wahrheit.

Wie gesagt, war ich als Kind ziemlich entsetzt. Meine Gesprächspartnerin gestern war es auch. Den ganzen Tag über sind irgendwelche Leute sauer und behaupten, sie müssten es sein, dabei merken weder sie noch alle anderen, dass sie es eigentlich nur sein wollen!

Das ganze sollte uns nicht zu sehr wundern. Ganze Lebensläufe wurden auf solche Täuschungen errichtet und die gesamte, moderne Theologie ist von dieser Bauart. Das ist es ja, was ich ihr vorwerfe.
Erst kommt der Wunsch, dann wird die Lehre nach diesem Wunsch gebastelt und als wahr erklärt.
Die moderne Theologie sagt zum Beispiel, niemand würde in die Hölle kommen. Sie sagt das aber nicht, weil man es feststellen musste, sondern, weil man es feststellen wollte. Der König hat ein Gutachten in Auftrag gegeben und gleich dazu gesagt, wie es gefälligst auszugehen habe.

Grob gesehen gibt es zwei größere Stränge, denen man hier folgt. Die einen sagen, man müsse und könne als Christ die Hölle leer hoffen. Eine Art unschuldige Hoffnung würde das Glück des Himmels für alle bewirken. Darüber habe ich schon etwas geschrieben und möchte es bald wieder tun.

Der zweite Strang ist, wenn ich richtig sehe, sehr stark besetzt. Er sagt, das Leben könne gewesen sein, wie es wolle. Ganz am Ende würde der Liebenswürdigkeit Gottes ja doch niemand widerstehen können und alle würden sich letztlich für ihn und den Himmel entscheiden. Auch da wird schließlich alles gut; und mit gut ist das gemeint, was wir gut finden.

Mein Problem ist, dass ich Menschen widersprechen muss, die ich mag und die es schrecklich gut meinen. Ich glaube aber, ihre Lehre marschiert auf einem ziemlich tragischen Holzweg; aus Gründen, über die ich gern sprechen würde. Was mit aber auffällt, das ist, dass der liebe Wunsch blind für die Wahrheit geworden ist.

Es mag verwundern, aber es ist vor allem die liebe Botschaft von Weihnachten, die allen lieben Tendenzen mit grausamer Gewalt ein Ende macht. Das Liebenswürdigste, was je auf Erden gepredigt wurde, entpuppt sich hier als etwas mit brachialer, erschreckender Gewalt. Es ist die Gewalt des Konkreten, die Gewalt der Tatsache, dass man etwas anfassen kann, wobei es kein Umhin mehr gibt.

Die Feministen hoffen, dass Gott ein Mädchen wird. Der Teufel hofft, dass er gar nicht kommt. Die Theoretiker erzählen nur von Möglichkeiten. Alle sind sehr verschieden und allen ist der Schrecken des Konkreten gemeinsam. Gott wurde ein Junge, grausam unabänderlich; er ist erschienen und vor allem: Ganz konkret, also wirklich wirklich, wenn man so möchte. Das kann sehr grausam sein. Vor allem, wenn man das Gegenteil erhofft hat.
Weihnachten hat diese grausame Botschaft, die nicht vergeht, wenn man den Botschafter tötet.
Ich fürchte, auch bei unserem dauernden Sauersein werden wir eines Tages hören müssen, dass wir es vor allem sein wollten, nicht mussten.