Zunächst ein neues Wort, das wir brauchen: Den Habitus. Jeder Mensch hat von Natur aus Anlagen und Gaben. Normalerweise kann jeder Mensch laufen; der eine gut, der andere weniger. Wenn jemand an seinem Laufen arbeiten würde, dass er ein guter Läufer würde, dann hätte er einen sogenannten „Habitus” ausgebaut.

Josef Pieper, gest. 1997, der letzte große deutsche Thomasübersetzer und Herold des Ansatzes, den Menschen über die Tugenden zu betrachten.
Jemand hat eine gewisse Klugheit und merkt, das könnte er eigentlich ausbauen, um etwas klüger zu werden. Wenn er durch Beobachtung und Üben klüger wird, hat er seinen „Habitus” der Klugheit ausgebaut.
Den Habitus ausbauen bedeutet also, eine grundsätzliche, natürliche Anlage zur Vollendung bringen. Aristoteles spricht einmal vom Zitherspieler. Am Anfang des Übens ist alles noch ungelenk, unsicher und mühsam. Kann der Spieler aber erst einmal spielen, dann tut er es spontan, leicht und mit Lust. Er spielt sozusagen wie im Schlaf.
Das genannte Laufen ist nun eine neutrale Sache. Ob jemand läuft, um einem Menschen schnell an einem Unfallort helfen zu können, oder ob jemand läuft, um nach einem Raub der Polizei zu entkommen; Laufen ist Laufen. Man kann den Habitus des Laufens gut einsetzen oder auch missbrauchen.
Ein ausgebauter Habitus, den man nicht zum Schlechten missbrauchen kann, den nennen wir Tugend. Die Tugend der Gerechtigkeit etwa kann man nicht missbrauchen. Gerechtigkeit, die nicht gerecht ist, ist keine Gerechtigkeit. Die Tugend der Liebe kann man nicht missbrauchen. Das wäre keine Liebe mehr.
Tugenden sind also Fähigkeiten, die auf die Gaben der Natur aufbauen oder auf einen Habitus, den Gott unmittelbar schenkt. Tugenden sind immer das, was wir gut nennen. Mit Aristoteles spricht man davon, dass die Tugenden aus dem Menschen einen besseren Menschen machen. Hierbei ist nicht zu vergessen, dass der tugendhafte Mensch gern, leicht und spontan tugendhaft ist.
Der heilige Thomas lehrt zum Beispiel, dass der Mensch nichts lieber tut, nichts besser vermag und nichts mehr möchte, als Lieben. Unter dem selben Stern stehen die Tugenden. Sie machen den Menschen nicht einfach nur besser, wie man manchmal meint. Tugend hat mit Lust zu tun; mit der Lust, tugendhaft zu sein.














