Über das Linkssein


2. Juli 2011

Links – eine Herzenshaltung, ein Lebensgefühl, eine Einstellung, ein politisches Statement. Aber was ist links überhaupt?
lfwp
Ich finde heut ist das ein Begriff, der inflationär gebraucht wird. Eine ganze Jugendszene, eine Jugendkultur nennt sich links. Sie hebt sich ab, kleidet sich anders, tritt für freie Lebensstil ein bis hin zum freien Geschlecht. Teile dieser Szene sorgen nicht zwingend immer für positive Schlagzeilen. Sie greifen Bahnnetze bei Castortransporten an oder zünden Polizisten bei 1. Mai -Demos an. Und sie ideologisieren. Werden bestimmte Ansichten nicht mitgegangen, bestimmte Merkmale nicht angenommen, ist man raus, muss sich rechtfertigen und Angriffen aussetzen. Aber ist all das links?
Für mich ist links eine politische Einstellungen, die gegen Ideologien ist. Die den Menschen befreien will von Zwängen, die ihm von außen aufgezwungen werden. Links sind alle Menschen gleich, keiner hat aufgrund irgendeines Merkmals mehr oder weniger Wert. Eben deswegen ist links auch gewaltfrei, da es die Würde eines Menschen bedingungslos anerkennt, weil er ein Mensch ist. Die Linken treten für die ein, die in einer Gesellschaft missachtet werden, die hinten runter fallen, die keine Stimme haben, manchmal sogar keine Rechte. Links heißt für mich nicht in erster Linie nicht, dass es darum geht, andere zu bekämpfen, einfach nur Steine zu werfen und alles und jeden zu problematisieren. Links sein heißt, sich einzusetzen für den Menschen, seine Würde unbedingt zu achten, dafür einzutreten, dass jeder sein Leben selbstverantwortlich führen kann. Aber nicht nur im politischen Diskurs. Sondern auch in dem Vollzug des alltäglichen Lebens. Nicht nur im gesellschaftlichen Engagement, sondern auch in dem Verhalten gegenüber anderen Menschen, in der Begegnung mit anderen, bis hin zum eigenen Konsum die eigenen Ideale verwirklichen zu wollen.
In diesem Sinne wenigstens versuche ich, auch aus meinem christlichen Glauben heraus, ein Linker zu sein.

Präimplantationsdiagnostik


2. Juli 2011

Präimplantationsdiagnostik – kurz PID – ist ein Thema, was derzeit die Gemüter in unserem Land stark erhitzt. Nächste Woche soll der Gesetzesvorschlag, der diese legalisiert, im Bundestag debattiert und gegebenenfalls beschlossen werden. Das Thema spaltet die Fraktionen und mithin auch die Bevölkerung.
Wenn ich es richtig verstanden habe, handelt es sich hierbei um ein Verfahren, dass es der Mutter ermöglicht, mehrere Eizellen künstlich befruchten zu lassen, um sich dann jene implantieren zu lassen, die als einzige einen erheblichen Gendeffekt nicht enthält. Die Chancen, dass dann ein gesundes Kind geboren wird, liegen bei 25 Prozent. Die anderen Eizellen werden “entsorgt”. Auslöser ist die Praxis mindestens eines Arztes, der dieses Verfahren trotz Illegalität anwandte, um Frauen den Kinderwunsch zu ermöglichen, die einen Gendefekt haben, wonach ein angestrebte Schwangerschaft zu 90 Prozent in einer Fehlgeburt endet oder das Kind geboren wird und eine Lebenserwartung von 1-2 Jahren hat. Aber auch Gendefekte sollen so ausgeschaltet werden, die das Leben des Kindes und der Eltern in erheblicher Weise einschränken.
Ich glaube jeder, der sich bei dieser Frage in eine einfache ethische Antwort stürzt, wird der Frage nicht gerecht.
saeugling_1
Hier ist zuerst die Frage, was ist Leben? Laut unserem Staat beginnt schützenwertes Leben erst nach 12 Wochen Schwangerschaft. Solange ist geseztlich erlaubt, ein Kind abzutreiben. Rechtlich also ist das Argument des Schutz des Lebens also hinfällig.
Anders sieht es mit der Frage nach lebenswertem Leben aus. Kann eine Gesellschaft hier Maßstäbe einführen? Welche Behinderung ist lebenswert, welche nicht? Ich glaube nicht, dass eine Gesellschaft dieser Definierung gewachsen ist. Das zeigt auch die Emotionalität der aktuellen Debatte. Was steht es uns zu, zu sagen, ein Mensch, der unter einer gewissen Einschränkung leben, könne nicht glücklich sein?
Aber auch diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten wie es scheint. Was ist mit Kindern, die zur Welt kommen, einjahrlang nur operiert werden und dann einen grausamen Erstickungstod erleiden? Was ist mit Eltern, die dieses Leid erleben müssen? Was ist mit Müttern, die eine Fehlgeburt nach der nächsten erleiden aufgrund eines Gendefekts? Ist das zumutbar aufgrund ethischer Bedenken bei dieser Frage?
Ein Argument dagegen gilt es natürlich noch zu berücksichtigen. Die Folgen eines solchen Gesetzes. Ist das nicht nur der Anfang auf dem Weg zu einem Designer-Baby? Zu einem Kind nach Wunsch, nach eigenen Vorstellungen, mit Genen, die ich als Mutter oder Vater will, und ohne solche, die ich als belastend oder nicht gut empfinde?

Diese Argumente sind nur ein Einblick in die derzeitige Debatte. Und auch wenn mir eine Antwort nicht leicht erscheint, wage ich eine eigene Position in dieser Frage. Ich bin für die Einführung der Präimplantationsdiagnostik. Sie ist bei unseren derzeitigen Gesetzen der einzig logische Schritt. Schon jetzt dürfen Eltern entscheiden, ob sie ein Kind unter bestimmten Umständen wollen oder nicht. Nicht nur in den ersten drei Monaten, sondern auch bis zum Tag der Geburt ist eine Abtreibung erlaubt, wenn durch die Geburt das Leben der Mutter, aber auch ihre psychische oder körperliche Gesundheit in erheblichstem Maße gefährdet ist. Die PID zeiht eine solche Entscheidung lediglich vor und erspart der Mutter viel Leid und Folgen. Die Frage ist für mich nicht die Einführung, sondern die klare Definition, wann die Präimplantationsdiagnostik angewandt werden darf und wann nicht. Nun bin ich kein Mediziner und kann und will daher nicht die einzelnen Defekte hier durchgehen. Aber doch gibt es einige Fälle, die mir plausibel erscheinen. Z.B. eine Erkrankung, die wie oben angesprochen, einer Mutter eine 90-prozentige Fehlgeburtenrate prophezeit. Oder aber eine Erkrankung, die, falls sie zu umgehen ist, zum Tode der Mutter führt. Ich finde aber, dass dies der Ort der Debatte sein sollte, nicht der PID an sich. Das birgt in unserem derzeitigen Rechtswesen eine gewisse Scheinheiligkeit. Aber nicht nur in unserem Rechtswesen. Die katholische Kirche, meiner Meinung nach am striktesten in der Abtreibungsfrage, entwrift auch Kategorien, wann eine Abtreibung erlaubt ist. Auch wenn ihre Argumentation meinem Dafürhalten nach falsch ist, erlaubt sie eine Abtreibung bei eben einem durch die Geburt wahrscheinlichen Tod der Mutter. Auch sie müsste also mindestens in diesem Fall für die Präimplantationsdiagnostik sein.
Es gibt aber noch ein entscheidendes Argument für die Einführung der PID, das noch nicht zu Wort gekommen ist. Die Selbstverantwortung des Bürgers. Seit Kant und der Aufklärung ist klar, dass ein Mensch nie Objekt, sondern immer Subjekt sein sollte. Dies ergibt sich aus seiner Würde, aus seiner Einzigartigkeit, seiner Freiheit. Er muss Subjekt und alleiniger Träger seiner Rechte und Taten sein. Ein Mensch, der mündig ist, weil er Mensch ist, muss selber entscheiden dürfen und dafür die Verantwortung auf sich nehmen. Ihm muss der Gebrauch eines solchen Verfahrens eröffnet sein, um nach eigenen Maßstäben entscheiden zu können, ob er einen bestimmten Gendefekt umgehen will oder nicht. Hierbei kann ihm die Gesellschaft nicht ihre Maßstäbe aufdrücken. Eine Frau muss selbst entscheiden können, ob sie ein Kind unter bestimmten Umständen haben will oder nicht. Dies muss ihr der Gesetzgeber ermöglichen. Kategorien eines aus welcher Prägung auch immer gewonnen, und sei es christlichen, Lebensbegriffes und die durch den Gesetzgeber gesicherte Selbstbestimmung des Menschen dürfen hier nicht verschwimmen, wie es manchmal in der Abtreibungsdebatte der Fall ist.

Es tut mir leid, dass es so ausführlich geworden ist und trotzdem soviel nur angerissen werden konnte. Besonders der letzte Punkt hätte weiterer Erläuterungen bedurft. Aber in der Angst, euch zu langweilen, soll es für heute erstmal genug zu diesem Thema sein.

David Berger…


5. Juni 2011

101124_david_berger_suhrkamp_g…hat sich zu Wort gemeldet, in einem Kommentar zu seiner “Entlassung” in der Zeit. Wollte nur darauf hinweisen und überlasse denen das Kommentieren, die meinen, sie wüssten mehr in der Sache.

Zur Jungfrauengeburt und dem Glaubensbekenntnis


4. Juni 2011

Dieser Artikel ist eigentlich ein Kommentar auf einen Blog-Eintrag von Johannes und die darauffolgenden Kommentare. In seinem Blog bezieht sich Johannes auf einen Artikel, in dem u.a. ein Superintendent zitiert wird, der Jesus als Propheten beschreibt und das Glaubensbekenntnis abstoßend findet. Den Artikel findet ihr hier. Da mein Beitrag aber so lang wurde, dachte ich mir, poste ich ihn hier auch nochmal (er ist aber auch weiterhin dort zu lesen):

Ich entdecke eine gewisse Freude, sich über die vorliegenden Äußerungen her zu machen, spätestens im gemeinsamen Freitagsgebet mit den Taliban. Auch wenn ich die Lust daran verstehen kann, würde ich doch die Kirche sprichwörtlich im Dorf lassen.
Da ich nun in dem Artikel direkt angesprochen wurde, möchte ich gerne Stellung beziehen.
Zuerst zu der Frage des Repräsentativen. Natürlich ist das nicht repräsentativ, da es das lutherisch nicht gibt. Jedes Mitglied unserer Kirche darf als Priester, der er oder sie aufgrund des Priestertums aller Gläubigen ist, seine Meinung im Glauben vor Gott vortragen. Es bleibt eine Privatmeinung.
Dennoch gibt das Gesagte in gewisser Weise einen Trend in meiner Kirche wieder. Inwiefern? In seiner wörtlichen Bedeutung gibt es Stellen des Glaubensbekenntnisses, die einige nicht mehr mitsprechen können in ihrem literarischen Sinne. Dabei geht es vorallem um einen Punkt, den auch schon der Artikel zeigt, nämlich die Jungfrauengeburt. Dieses Dogma wird lutherischerseits größtenteils nicht mehr gelehrt. Zum Glück und zu Recht, wie auch ich finde. Angefangen von dem beliebten Übersetzungsfehler ist hier vor allem der legendarische Aspekt dieser Ausschmückung doch nur schwer von der Hand zu weisen. Durch die Jungfrauengeburt soll der Anspruch unterstrichen werden, dass Christus Gottes Sohn ist. Legendarische Ausgestaltung eines christlichen Fakts. Zur damaligen Zeit war „Jungfrauengeburt“ ein beliebtes Stilmittel, um das wunderhafte besonderer Personen zu unterstreichen. Und ein weiteres Problem wird somit beseitigt. Es gab die Theorie, dass die Erbsünde durch die Geburt genetisch weitervererbt wird, seit dem ersten Menschen. Durch die Legende der Jungfrauengeburt wird auch dieses Problem „gelöst“. Aber ganz ehrlich, es kann doch nicht mehr unser Ansinnen sein, Legenden und Wundergeschichten zu gebrauchen, um die Sohnschaft Christi zu erklären.
Ich könnte noch weiter in dieses Thema einsteigen, meine Argumente ausführen, aber leider habe ich kaum noch Zeit und möchte mich noch kurz eins zwei anderen Themen zuwenden. Als Deutung aber gefielen mir die Ausführungen von Bischöfin Jespen in dem Interview der TAZ sehr gut: „Wir Protestanten bekennen im Glaubensbekenntnis ja auch: “Geboren von der Jungfrau Maria.” Das kann ich gut nachsprechen, weil ich die Glaubensaussage teile, dass Jesus von Anfang an von Gott gewollt, in die Welt geschickt und ein besonderer Mensch ist, der Himmel und Erde miteinander verbindet. Da interessiert mich die biologische Wertung überhaupt nicht.“ Eben dadurch bleibt der unendliche Schatz des Apostolicums bewahrt, aber es werden literarische und historische Funde mit einbezogen. Und Frau Jespen hat die redliche Aufgabe nicht unterlassen, zu erklären anstatt wie die Herren auf dem Kirchentag, einfach über Bord zu werfen.
Ein weiter Punkt war von dem Herrn Superintendent die Aussage, dass Jesus nur Prophet gewesen sei. Rein historisch betrachtet war es so. Jesus war einer dieser Wanderprediger, die sich selbst für den Messias hielten, wo es zu seiner Zeit unzählige von gab. Um aber nicht bei diesem rein historischen Bild stehen zu bleiben, was den Glauben auslöschen würde, wie eben bei jenem Herrn, bedarf es aber eben des Zeugnisses im und durch den Glauben. Erst durch den Glauben der Jünger, die der Auferstehung teilhaftig wurden, begann die Überlieferung von Jesus. Diesen Glauben zu erhalten ist die Aufgabe eines jeden Theologiestudenten (ich bin doch sehr verwundert über das Erstaunen von Alpius in seinem Blog, dass einer der Herren ausgerechnet im Studium seinen Glauben verlor), vielleicht eines jeden Gläubigen. Diese Aufgabe darf aber in meinen Augen nicht bedeuten, besonders für einen Amtsträger der Kirche, historische und literarische Erkenntnisse zu verneinen und sich in den reinen Wortglauben zu flüchten.
Hat man eine solche Integration in seinen Glauben nicht leisten können, sollte man sich meiner Meinung nach fragen, inwieweit man noch für den Dienst in der Kirche bestimmt ist, so wie der zitierte Superintendent.

Für eine gute Freundin


6. Dezember 2010

Glaube ist für mich ein emotionaler Prozess. Wenn Gott mich berührt, berührt er mein Herz. Diese Berührung ruft Emotionen in mir hervor. Nur ein einziger solcher Momente kann ganze Lebenszusammenhänge auf den Kopf stellen, ja kann ein ganzes Leben verändern.

Diesen Glauben kann man rational nicht vollkommen durchdringen. Man kann und soll ihn rational erklären. Auskunft geben können an was ich warum glaube. Aber plausibilisieren, dass es für jeden objektiv einsichtig ist, kann man nicht. Der Glaube und Gott als sein Ziel entzieht sich in seiner Unendlichkeit menschlichen Vorstellungen. Übersteigt sie. Dieser Moment, in dem Gott mein Herz ergreift, ist überwältigend, er übertrifft alles, was ich bis dahin fühlen oder denken konnte, ja weil es ein Moment ist, der sprichwörtlich nicht von dieser Welt ist.

Ein solcher Moment negiert aber auch nicht alles, was man bis dahin erlebt und gedacht hat. Glauben heißt eben, zumindest für uns Christen, nicht alles verstehen und alles deuten zu können. Glauben heißt eben nicht, den einen “way of life” zu haben, der ewiges Glück und vollkommene Weisheit verspricht. Glauben heißt sich auf etwas einzulassen. Zuzulassen, dass Gott in meinem Leben wirkt. Zuzulassen, dass er mir neue Perspektiven eröffnet. Zu vertrauen, dass auch das einen Sinn hat, was uns manchmal sinnlos erscheint.

Ich weiß nicht, ob das eine Antwort auf deine Fragen war, aber es war etwas, was mir noch wichtig war, dazu zu sagen.

Der Einwand gegen unseren Glauben – Theodizee


6. Dezember 2010

Die Theodizeefrage wird gemeinhin als DER Einwand gegen den christlichen Glauben gesehen. Ja, eigentlich gegen jeden Glauben, der sich an einen allmächtigen, gütigen Gott richtet. Aber gerade für uns, die wir an den personifizierten Gott der Liebe glauben, erscheint das als Problem – aber ist es das?

Viele Versuche sind unternommen worden, das Böse und unsere Vorstellungen von Gott zu vereinen. Von der Antike über die Reformatoren bis in die Gegenwart. Von der recht simplen Erklärung, alles auf den freien Willen zurückzuführen, über die beste aller möglichen Welten bis hin zu einer Verneinung Gottes. Und natürlich der Klassiker, das Leid zu verneinen, dem Menschen seine Leiderfahrungen abzusprechen, wie es schon die Freunde des Hiobs versucht haben. Aber ist diese Frage überhaupt ein Einwand gegen unseren Glauben?

Das erste Problem ist, so denke ich, schon in dem Versuch einer Rechtfertigung Gottes begründet. Wie soll das möglich sein? Wie soll der Mensch ein Urteil über den fällen, der so unendlich größer ist? Wie ihn abschließend erklären können? Die Bibel sieht diese Unmöglichkeit und Paulus bennent sie klar. Aber heißt das nun, Augen zu und durch?

Wir glauben an die Verheißungen Gottes, die er uns spätestens in Jesus versprochen hat. Wir glauben an den Gott, der uns das Vater Unser in den Mund gelegt hat und mit seinem Namen für dessen Erfüllung einsteht. Und wir glauben an den Gott, der weiß, was es heißt zu leiden. Der Mensch geworden ist und sich in der Kreuzigung der Macht der Sünde und des Bösen ausgesetzt hat. Was soll tröstlicher und tragender sein? Vor allem aber hat Gott in Christus bewiesen, dass er es nicht beim Tod belässt. Das Leid und der Tod haben nicht das letzte Wort über unser Leben. In der Verherrlichung, im Leben danach, werden alle Tränen abgewischt und alle Zweifel beseitigt sein. Dann wird jedes “Warum” weggegwischt sein.

Für mich ist eine solche christliche Beantwortung der Theodizee keine reine Vertröstung. Die lebensstiftende Kraft, die Gott im Leiden Christi offenbart hat, ist ja keine, die erst nach dem Tod wirkt. Sie wirkt jetzt. Im Hier und Heute. Sie ist es, die mir ermöglicht, mit dem, was mir widerfährt, umzugehen. Sie ist es, die meinem Leben Sinn gibt, den guten wie den schlechten Erfahrungen.

Glauben heißt, auf völlige Verstehbarkeit Gottes zu verzichten. Einzuräumen, dass dies dem Menschen nicht möglich ist. Glauben heißt aber auch, nichts zu leugnen. Weder die Gotteserfahrung zu leugnen, die mein Leben bestimmt. Nicht all die Argumente zu leugnen, die zwingend auf einen allmächtigen und gütigen Gott verweisen. Nicht zu leugnen, dass die Verneinung eines Gottes meiner Vernuft komplett zuwider ist. Aber auch nicht zu leugnen, dass es diese momente des vollkommenen Gefühls der Gottesverlassenheit gibt. Nicht zu leugnen, dass es Momente gibt, in denen ich nur Gründe habe, Gott anzuklagen anstatt ihn zu loben. Nicht zu leugnen, dass es Momente gibt, in denen ich nichts anderes als Schmerz fühlen kann. Aber zu wissen, dass Gott das letzte Wort haben wird.

Ein Einwurf – Eine Protestantische Ordination


13. November 2010

Bevor man in der EKD zum Pastor ordiniert wird, muss man folgende Verpflichtungserklärung abgeben:

“Ich gelobe vor Gott, das Amt der öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung im Gehorsam gegen den dreieinigen Gott in Treue zu führen, das Evangelium von Jesus Christus, wie es in der Heiligen Schrift gegebn und im Bekenntnis meiner Kirche bezeugt ist, rein zu lehren, die Sakramente ihrer Einsetzung gemäß zu verwalten, meinen Dienst nach den Ordnungen meiner Kirche auszuüben, das Beichtgeheimnis und die seelsorgliche Schweigepflicht zu wahren und mich in meiner Amts- und Lebensführung so zu verhalten, dass die glaubwürdige Ausübung des Amtes nicht beeinträchtigt wird.”

Falls das irgendwen interessiert.

Christenverfolgung


5. November 2010

Am letzten Sonntag geschah es wieder einmal. Terroranschläge überschatteten den Irak. Dieses Mal traf es eine Kirche. Was sich hier in die schreckliche Kette hunderter Anschläge einreiht, hat in einigen Ländern Prinzip. Die Verfolgung und Tötung von Christen. Der letzte Bericht aus Indien ist gar nicht lang her, dass Christen wie in einer Treibjagd gejagt und getötet wurden, um ein humanes Wort zu gebrauchen. Und auch in der Türkei, immerhin Anwärter auf einen EU-Beitritt, ist die Unterdrückung und Tötung von Christen keine Seltenheit. Die in den letzten Jahrzehnten stark zurückgehende Zahl der Christen, die dort leben, ist auch hierfür ein Indiz. Leider sind diese Länder nur einige Beispiele von vielen.

Nun gibt es Menschen, die ihre Aufgabe, ihren Auftrag von Gott, genau darin sehen, in diese Länder zu gehen. Für Frieden einzutreten. Entwicklungshilfe zu leisten. Oder einfach nur ihren Glaubensbrüdern beizustehen. Suzidaler leichtsinn? Naive Verbortheit? Eigentlich auch schon fast fundamentalistisch?

In unseren Kreisen werden ganz andere Menschen für “heilig” gehalten. Ein Martin Luther, für seine Ideen und seinen Widerstand gegen die Obrigkeit. Thomas von Aquin, für seine umfassende und beeindruckende Theologie. Oder in der Neuzeit jemand wie Dietrich Bonhoeffer, der aus seinem Glauben in den politischen Widerstand und den Tod gegangen ist. Das sind Heilige und /oder Helden unserer Zeit. Diese Namen kennen wir.

Was ist mit den Namen derer, die ihren Tod gefunden haben, weil sie dem Ruf ihres Glaubens gefolgt sind? Wo erfolgt die Heiligsprechung, wo das Gedenken? Und vor allem, was können wir tun und wie weit wären wir bereit, zu gehen? Ich muss ehrlich sagen, ich würde nicht in den Irak gehen, um das Evangelium Christi zu predigen und Gottes Gemeinde zu bauen. Ich hätte zuviel Angst um mein Leben. Die klügere Entscheidung oder doch die selbstbezogenere?

Eins jedoch können wir tun, und sollten wir auch. Alle Menschen, die aufgrund ihres Glaubens verfolgt und getötet werden, in unser Gebet einschließen. All die Länder, in denen Menschen gefoltert werden, von Terror bedroht, unterdrückt, ermordet werden, sei es aufgrund religiöser Überzeugungen, ethnischer Zugehörigkeit oder was auch immer. Wenigstens unser Gebet haben sie verdient! Und so bleiben sie in unserm Bewusstsein. Zu oft vergesse ich, dass es weitaus größere Probleme gibt, als die Wahl der abendlichen Freizeitbeschäftigung. Zu oft vergesse ich, dass der Glaube für manche ein wirkliches Wagnis ist.

Glaube?!?


4. November 2010

In einem sind sich fast alle christlichen Kirchen einig: Auf den Glauben kommt es an! Ob dieser nun allein reicht und notwendig ist, um das ewige Leben zu erlangen, oder ob man doch noch ein bisschen dies oder das dazu tun kann oder sogar muss, ist fast nebensächlich. Der Glaube hat ein Alleinstellungsmerkmal. Durch ihn wird die Macht des Todes gebrochen, der Mensch erst in die Lage versetzt, ein besserer zu werden, durch ihn werden wir Kinder Gottes. Aber was heißt es eigentlich, zu glauben?

Ich weiß noch, wie einmal eine Freundin weinend vor mir saß und sagte: “Ich weiß einfach nicht, ob ich wirklich glaube, auch wenn ich mir es so wünsche.” Oder eine andere einmal sagte: “Ich weiß nicht, ob ich immer noch glaube. Manchmal habe ich Angst, dass mein Glaube weg ist.” Und natürlich ein Freund, der behauptete: “Ich würde so gerne glauben, aber ich glaube, ich kann es einfach nicht.”

Also wie genau ist das jetzt? Gibt es einen Grad des Glaubens, ab dem man sicher sein kann, zu glauben? Oder gibt es Maßstäbe, Kriterien, nach denen man sagen kann: “Ok, ich glaube.”

Den Glauben zu beurteilen, den eigenen oder einen fremden, ist dem Menschen nicht möglich, sondern rein Gott vorbehalten. Er ist nichts, das äußerlich sichtbar ist. Zwar schafft der Glaube einen besseren Menschen, aber ein besserer Mensch zeigt noch lange keinen Glauben. Zwar schenkt der Glaube Hoffnung, die Zweifel und Ängste aushalten kann, aber ein ängstlicher oder zweifelnder Mensch ist noch lange nicht ungläubig. Ich denke, dass der Glaube eine Ahnung ist. Eine Ahnung, dass es etwas Größeres gibt, das Sinn stiftet, Sinn ermöglicht. Eine Ahnung, dass das irdische Leben nicht alles ist. Der Glaube ist etwas, das mir meine Schwächen aufzeigt und mir hilft, sie auszuhalten. Der Glaube gibt mir eine Ahnung, dass da eine Liebe ist, eine Liebe, die mich einschließt, die so grenzenlos ist, dass sie Kreuz und Tod überwunden hat.

Man kann den Glauben nicht erlernen. Man kann ihn auch nicht erzwingen. Aber ich glaube fest daran, dass allein schon der Wunsch, zu glauben, oder die enhrliche Angst, doch nicht glauben zu können, schon Ausdruck dieser Ahnung ist. Dass in einem solchen Menschen der Glaube an die Liebe des dreeinigen Gottes bereits angebrochen ist.

Rechtspopulisten feiern Comeback


4. November 2010

Seit Wochen weht ein Geist durch dieses Land. Der Rechtspopulismus erfährt eine Auferstehung. Alles begann, als ein ehemaliger Finanzminister aus Berlin, an Bildung und Reichtum gesegnet, sich über den Zusammenhang von Genen, Armut und Dummheit äußerte. Er beleidigte Generationen von Menschen, die das Bild dieses Landes prägen. Und er benutzte Argumentationen, die an eine Zeit der größten Verbrechen dieses Landes erinnern. Alle haben auf Herrn Sarrazin eingedroschen. Die Medien, aber vor allem die Politiker aller Kasten. Sowas darf man in diesem Land nicht sagen, war der Konsens. Und der war richtig!

Doch dann geschah etwas. Meinungsforscher stellten fest, dass die obstrusen Thesen Sarrazins bei der Bevölkerung Anklang finden. Und sie verkündeten darüber hinaus, dass eine rechtspopulistische Partei aus dem Stand ca. 17 Prozent bei Wahlen auf sich vereinen könnte. Der Konsens, in einer solchen populistischen Weise wie Herr Sarrazin über Imigration zu reden, werde weder der Thematik noch den Menschen und ihren Schicksalen gerecht, bröckelte. Schließlich erhofften sich einige, einen Teil dieser 17 Prozent potentieller Wähler zu gewinnen. Somit war das Fazit klar: “Es muss ein Rechtsruck durch Deutschland gehen!” Horst Seehofer war der erste, der dies erkannte: “Multikulti ist tot.” Frau Merkel sieht das mittlerweile genauso. Herr Seehofer hat mittlerweile sieben Thesen veröffentlicht, wie Integration geregelt werden müsse. Über allem steht, dass laut Herrn Seehofer keine Menschen aus der Türkei und anderen arabischen Ländern mehr nach Deutschland einwandern dürfen. Schließlich können sich Menschen aus anderen Kulturkreisen schlecht integrieren. Das ist ja mal Rechtspopulismus per excellence.

Der einzige Amtsträger, der in dieser Debatte einen kühlen Kopf bewahrt hat, ist unser Bundespräsident. Bei seiner Rede zur Deutschen Einheit hat er mit Recht festgehatlen, dass neben dem Juden- und Christentum der Islam fester Bestandteil unserer Kultur ist. Und diese Aussage, die ihm nicht nur Freunde beschert hat, hat er ein paar Wochen später perfekt genutzt, bei seinem Besuch in der Türkei. Auch hier hat er mehr Rechte gefordert, nun aber für die Christen.

Von diesem Bundespräsidenten sollten sich unsere führenden Politiker eine Scheibe abschneiden. Denn mit ihren Aussagen springen sie zwar auf Vorurteile im Volk auf, aber eben damit ebnen sie den Weg für einen neuen Rechtspopulismus in diesem Land.